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Joseph Fisher gelesen von Manuel Rubey

Der Weg nach Gunskirchen

1:32

Joseph Fisher berichtet über die sogenannten Todesmärsche:

Nach ein paar Tagen ließen sie uns wieder drei Tage marschieren. In den Nächten schliefen wir unter freiem Himmel. Es regnete und wir waren bis auf die Knochen durchnässt. Mir war fürchterlich kalt und ich hatte nichts, um mich zu bedecken, nur die Kleider, die ich trug. Ich schlief auf dem nassen Boden ein. Ein Teil von unserer Gruppe schlief „für immer“ ein. Am nächsten Tag am Morgen setzten wir den Marsch fort. Ich erinnere mich, dass ich Gras kaute, so wie das Vieh. Und ich fand Schnecken und sammelte sie, um sie am Abend zu essen. Denn ich dachte, dass im Tausch für einige Schnecken mir jemand helfen würde, sie zu kochen. Aber je größer die Erwartung, desto größer die Enttäuschung. Sie entflohen mir alle aus der Jackentasche. Ich war sehr, sehr traurig. Aber ich fand in der Wiese einen großen Rindsknochen. Es gelang mir, ihn auf einem Kohlefeuer anzubrennen, und ich nagte ihn ab. Wenn ich mich genau erinnere, aß ich dazu auch Gras. Die Reihen lichteten sich. Viele fielen, und sie konnten nicht mehr aufstehen und im Marschtempo gehen, obwohl wir langsam gingen. Jeder, der für einen Augenblick stehen blieb, wurde erschossen und seine Leiche auf den Wagen geworfen. Ich schritt dahin, weil die anderen dahinschritten, trottete gedankenleer hinter ihnen her. Ich dachte nicht mehr darüber nach, ob ich leben wollte oder nicht. Ich wusste auch nicht, wann dieser Marsch zu Ende sein würde und wohin sie uns bringen würden. Ich war vollkommen apathisch.

Fisher, Joseph; Fisher, David; Führer, Gerhard (Hrsg.): Die Himmel waren vermauert. The Heavens were Walled in. Wien: new academic press 2017. S. 120.

Ein Stück Fleisch im Wald

2:54

Ein paar Tage vor der Befreiung lag ich im Wald bei Gunskirchen: Ich war am Verhungern. Ein junger Bursch aus meiner Stadt und ich, wir saßen unter einem der Bäume, als plötzlich zwei Männer an uns vorübergingen. Sie trugen ein wenig Fleisch. Ich fragte nicht nach dem Woher und Was. Solche Fragen stellte man im Lager nicht. Für ein Messer kauften wir von ihnen einige Stücke Fleisch. Wir hatten einen Blechnapf und holten damit ein wenig Wasser. Reisig gab es im Überfluss im Wald, wir entzündeten ein Feuer und warteten darauf, das Fleisch zu essen. Ich freute mich zu sehen, wie das Fleisch briet. Von Zeit zu Zeit bissen wir ein Stück ab, um zu prüfen, ob es schon zu essen wäre. Aber es war fürchterlich zäh, es gelang uns nicht, ein Stück zu schlucken. Während wir beide neben dem Feuer lagerten und uns die Hände wärmten – das war Ende April und im Wald war es kalt –, näherten sich uns drei Männer: zwei Zivilisten in Ledermänteln und der Mittlere ein SS-Offizier. Er befahl mir, den Blechnapf aufzuheben und ihn einem von ihnen zu geben. Danach gab er mir eine Ohrfeige, die ich bis zum heutigen Tag spüre. Meinem Partner gelang es zu entkommen, ich erinnere mich nicht genau wie. Sie sahen sich den Inhalt der Dose an, machten untereinander allerlei Andeutungen und fragten mich, woher das Fleisch sei. Ich war sehr verunsichert, denn ich nahm an, dass man das Fleisch aus der Küche gestohlen hatte. Und da ich die Gesetze des Konzentrationslagers kannte, wusste ich, dass es verboten war, etwas zu haben, das nicht offiziell zugeteilt worden war. Sie befahlen mir, mit ihnen zu gehen. Während des Gehens sagte ich ihnen, dass ich das Fleisch nicht gestohlen hätte. Plötzlich entdeckte ich einen der Männer, von denen ich das Fleisch gekauft hatte. Er kletterte einen Baum hinauf. Spontan rief ich: „Da ist einer von ihnen.“ Sie ließen mich frei. Aber für mich war es schrecklich schade, dass ich das Fleisch nicht essen konnte, denn ich war so hungrig, dass ich beinahe verhungert wäre. Bis in die späten Fünfzigerjahre hinein glaubte ich, dass das Fleisch, das sie von mir beschlagnahmt hatten, aus der Küche gestohlen worden war. Aber das war nicht so! Bei einem Gespräch mit meinem Schwager Ben Zion Schartan stellte sich heraus, dass das Fleisch Menschenfleisch gewesen war und zwei junge Burschen dieses von Toten heruntergeschnitten hatten und damit handelten. Ben Zion und ich wurden durch die Amerikaner aus demselben Lager befreit, und obwohl es tabu war, von diesen Jahren zu reden und die Deportation und die Lager zu erwähnen, sprachen wir trotzdem über die Befreiung. Unter anderem erzählte ich, in welche Schwierigkeiten ich durch das gestohlene Fleisch geraten war. Da erzählte er mir die ganze Geschichte und auch, dass die betreffenden beiden Männer erschossen worden seien. Beim Begraben von Toten hatte man festgestellt, dass Fleischstücke von ihren Köpern fehlten.

Fisher, Joseph; Fisher, David; Führer, Gerhard (Hrsg.): Die Himmel waren vermauert. The Heavens were Walled in. Wien: new academic press 2017. S. 123f.

Die Befreiung

1:41

Die Amerikaner, die Befreiung, die Trennung von Bezalel

Im Morgengrauen brachen wir auf. Wir verließen den Wald. Auf dem Weg, neben einem großen Bauernhaus, standen draußen große Tische, auf ihnen stand gekochtes Essen in großen Töpfen und eine Menge Brot. Wir aßen uns satt und setzten unseren Weg fort. Ich setzte mich neben die Straße und sagte zu Bezalel, dass ich nicht mehr weiterkönne. Währenddessen kam ein Jeep mit amerikanischen Soldaten. Man setzte mich auf den Jeep und brachte mich zum Krankenhaus in die Stadt Wels. Bezalel Cassierer traf ich nie mehr wieder. Er fiel beim Befreiungskampf in Latrun [Anm.: während des Palästinakriegs 1948] sein Name erscheint im Gedenkbuch des Palmachs [Anm.: Elitetruppe der jüdischen paramilitärischen Untergrundorganisation Hagana in Palästina]. Ich erwachte irgendwann im Krankenhaus in weißer Bettwäsche, mit einem Pyjama bekleidet. Rund um mich waren deutsche Schwestern, Ärzte. Der Oberarzt war ein amerikanischer Jude. Man gab mir sehr wenig zu essen und immer war ich hungrig. Nach einigen Tagen versuchte ich zu fliehen, aber man fasste mich und brachte mich zurück. Nachdem ich ungefähr sechs Wochen im Krankenhaus verbracht hatte, wurde ich in ein Lager im Bezirk Linz überstellt. Dort wohnte ich in einem Zimmer mit zwei jungen Männern, auf einem Militärbett. Essen gab es im Überfluss, köstliche Speisen. Brot, Margarine und Marmelade standen immer auf dem Tisch. Ich dachte nicht an meine Familie und an zu Hause. An solche Dinge konnte ich nicht denken. Aber in den Nächten träumte ich grauenhafte Träume. Die Gefährten, mit denen ich das Zimmer teilte, weckten mich manchmal auf, weil ich sie störte. Aber auch sie störten mich manchmal, wenn sie während ihres Schlafes redeten oder schrien.

Fisher, Joseph; Fisher, David; Führer, Gerhard (Hrsg.): Die Himmel waren vermauert. The Heavens were Walled in. Wien: new academic press 2017. S. 125f.

Fisher, 2017, S. 120.