Helen Balsam
Quelle: Interview Helen Balsam
Kapitel 2
Ende 1944 ordnete Gauleiter August Eichgruber im als „Hochholz“ bezeichneten Waldstück der Gemeinde Edt bei Lambach nahe Gunskirchen ein „SS-Notbehelfsheim“ mit elf Baracken zu errichten.
Für die Bauarbeiten wurden etwa 400 Häftlinge aus dem KZ Mauthausen in der ehemaligen Volksschule im Ortszentrum von Gunskirchen untergebracht. Das Gebäude wurde umzäunt und streng bewacht. Von dort wurden die KZ-Häftlinge täglich in den Wald getrieben, wo sie Baracken errichten, Holz schlagen und Material transportieren mussten. Der Weg zwischen Schule und Baustelle wurde zum täglichen Gewaltmarsch unter SS-Bewachung.
Die Bedingungen waren extrem hart: Hunger, Erschöpfung und Misshandlungen prägten den Alltag. Bereits in den ersten Wochen starben 30 Menschen an den Folgen der Zwangsarbeit. Nachdem die Bauarbeiten am KZ-Außenlager im Wald beendet waren, wurden die in der Volksschule untergebrachten KZ-Häftlinge für andere Holzarbeiten in der Umgebung eingesetzt.
Ende März 1945 wurde das in Bau befindliche KZ-Außenlager zu einem Sammel- und Auffanglager für etwa 20.000 KZ-Häftlinge umfunktioniert. Ihre Heimat lag zumeist in Ungarn und den von Ungarn besetzten Gebieten der Tschechoslowakei, Rumäniens und der Karpatenland, aber auch in Polen, Frankreich, Belgien, Litauen und anderen europäischen Ländern. Sie waren auf Todesmärschen aus anderen Zwangsarbeits- und Konzentrationslagern ins Zeltlager des KZ Mauthausen und weiter ins KZ Außenlager Gunskirchen getrieben worden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Baracken noch unfertig, sanitäre Anlagen fehlten weitgehend. Jede der Holzbaracken im Waldlager war ursprünglich für 300 Gefangene konzipiert. Schließlich aber mussten zwischen 2.500 und 3.000 Menschen darin Platz finden. Durch die Überbelegung konnten die Häftlinge nur mehr eng aneinandergedrückt am Boden sitzen.
Das Lager im Wald war schwer zugänglich und wurde bewusst versteckt errichtet. Gleichzeitig blieb es durch den täglichen Häftlingsmarsch von der Volksschule in den Wald während des Aufbaus und die Todesmärsche durch die Region Teil eines sichtbaren Systems von Gewalt.
Die Zahl der Todesopfer im Waldlager Gunskirchen wird auf etwa 3.500 geschätzt.
Die Bewachung des KZ-Außenlagers übernahmen Angehörige der SS sowie Polizei- und Feuerwehreinheiten aus Wien. Lagerführer Heinrich Häger und Bauleiter Paul Anton Kaiser wurden nach dem Krieg im Dachauer Mauthausen-Prozess zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet.
Der Befehl zum Aufbau eines Lagers im als „Hochholz“ bezeichneten Waldstück der Gemeinde Edt bei Lambach wurde im Dezember 1944 vom Obergauleiter von Oberdonau, August Eigruber, an den damaligen Bürgermeister von Gunskirchen und Edt bei Lambach, Franz Hochhuber, erteilt. Vorgesehen war die Errichtung eines SS-Notbehelfsheims mit elf Baracken im Wald.
Mit dem Bau des Lagers wurde vermutlich Ende Dezember 1944 begonnen. Das genaue Datum ist nicht gesichert; andere Quellen nennen den 12. bzw. 28. März 1945.1 Anfang der 1970er-Jahre befragte Zeitzeug*innen sprachen davon, dass bereits im Dezember 1944 die ersten Häftlinge, die zum Bau des Lagers im Wald eingesetzt werden sollten, im Gebäude der Volksschule Gunskirchen ankamen.2
Die vier Grundbesitzer der betroffenen Waldstücke wurden gezwungen, ihr Land abzugeben, die dortigen Bäume zu fällen und das Holz in das Sägewerk des Bürgermeisters zu bringen – eine Arbeit, die von den KZ-Häftlingen verrichtet wurde. Aus diesem Holz sollten die Baracken gebaut werden.3
Viele Außenlager des KZ Mauthausen entstanden in unmittelbarer Nähe zu Rüstungsbetrieben, Kraftwerken, Infrastrukturprojekten oder anderen kriegswichtigen Anlagen – Häftlinge sollten dort Zwangsarbeit leisten. Der konkrete Zweck des KZ-Außenlagers Gunskirchen ist jedoch nicht eindeutig geklärt. In seinen Forschungen berichtet Peter Kammerstätter unter Bezugnahme auf den Bericht einer Bewohnerin eines nahe gelegenen Ortes, dass geplant gewesen sei, eine Produktionsstätte der Firma Brevillier & Urban, die Schrauben für die Rüstungsindustrie herstellte, in dieses Waldstück zu verlegen und dort KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit einzusetzen.4 Diese Information kann allerdings nicht nachweislich belegt werden.
Ein weiterer möglicher Grund für die Positionierung des KZ-Außenlagers Gunskirchen könnte die Nähe zum KZ-Außenlager Wels II und die dort ansässigen Flugzeug- und Metallbauwerke sowie die zunehmende Bombardierung der Rüstungsindustrie gewesen sein.5
In der Chronik der Gemeinde Gunskirchen ist festgehalten, dass der damalige Bürgermeister und Sägewerksbesitzer Franz Hochhuber von der Gauleitung Linz den Auftrag erhielt, „im nahen Hochholz eine größere Menge Holz schlägern zu lassen. Zu diesen Arbeiten waren die in der Schule einquartierten KZler bestimmt. Es war geplant, in kürzester Zeit zehn große Holzbaracken [Anm.: Andere Quellen sprechen von elf geplanten Baracken.] zu errichten, die zur Aufnahme einer evakuierten Kriegsindustrie aus Ni.-Donau [Anm.: Niederdonau] dienen sollten.“6
Namensgebend für das Lager im Gemeindegebiet Edt bei Lambach war die nahe gelegene Westbahn-Haltestelle „Gunskirchen“. Der häufig verwendete Begriff „Waldlager“ bezieht sich auf die Position des Lagers im als „Hochholz“ bezeichneten Waldstück auf dem Gemeindegebiet Edt bei Lamach nahe Gunskirchen.7 Teil des KZ-Außenlagers Gunskirchen war neben dem Waldlager auch jenes in der Volksschule, das ebenfalls bis zur Befreiung am 4. Mai 1945 in Betrieb war.
Für den Bau des Lagers im Wald wurden ausschließlich männliche polnische, französische, belgische und russische Häftlinge8 aus dem Stammlager Mauthausen in der Alten Volksschule im Ortszentrum von Gunskirchen untergebracht. Von dort wurden sie täglich ins „Hochholz“ getrieben, um das Waldlager zu errichten. Das zunächst etwa 200 Häftlinge umfassende Aufbaukommando wurde zu Beginn des Jahres 1945 auf ca. 400 KZ-Häftlinge aufgestockt. Kommandoführer war SS-Hauptscharführer Heinrich Häger, die Bauleitung oblag SS-Unterscharführer Paul Anton Kaiser.9
Die ehemalige Volksschule im Ortszentrum von Gunskirchen wurde mit Stacheldraht umzäunt und von vier durchgehend besetzten Türmen aus bewacht.10 Die Anzahl der Wachleute ist nicht gesichert und wird mit 80 bis 150 Personen aus SS und Wehrmacht angegeben. Der Zivilbevölkerung war das Betreten der Schule verboten. Dennoch dürfte weiterhin eine Person, möglicherweise ein Schulwart oder Lehrer – in der Chronik von Gunskirchen ist von einem „Schuldiener“ die Rede11 –, gemeinsam mit den KZ-Häftlingen im Schulgebäude gelebt haben.
Die Häftlinge waren in drei etwa 80 m² großen Räumen untergebracht, wo sie auf Strohsäcken schliefen. Für das Wachpersonal standen zwei Räume zur Verfügung. Im Gebäude weiters vorhanden waren eine Küche und Sanitäranlagen. Die Versorgung der Häftlinge war, wie aus den Aussagen des SS-Angehörigen Heinrich Häger hervorgeht, im Lager in der Volksschule deutlich besser als im Waldlager. Häger gab an, er hätte versucht, kranke Häftlinge des Baukommandos mit Medikamenten zu versorgen. Die Hinzuziehung eines Arztes aus der Bevölkerung sei ihm aber von der Leitung des KZ Mauthausen untersagt worden.12 Kranke KZ-Häftlinge wurden ins Stammlager Mauthausen gebracht.13
Die Häftlinge wurden in zwei Kommandos unterteilt: ein Baukommando, das mit dem Aufbau des Lagers beauftragt war, und ein Holzfällerkommando. Letzteres hatte nicht nur den Bereich des zukünftigen Lagers, sondern auch andere Waldstücke in der Nähe zu roden, das Holz ins Sägewerk des Bürgermeisters Hochhuber zu transportieren und die geschnittenen Bretter wieder in den Wald zu bringen, um damit die Baracken zu errichten. Nach den Schilderungen des ehemaligen Häftlings Tibor Wiener sollen diese Baracken bis zu 90 Meter lang gewesen sein.14 Das Holzfällerkommando in der Schule wurde auch nach dem Ende des Baus des Waldlagers aufrechterhalten – die Häftlinge wurden weiterhin zu Holzarbeiten eingesetzt.15
Täglich wurden die Häftlinge in den Wald und wieder zurück zur Schule getrieben. Der Marsch der Häftlinge wurde von zahlreichen bewaffneten SS-Mitgliedern bewacht. Laut Aussagen des SS-Angehörigen Paul Anton Kaiser hatten das Wachpersonal in der Schule und jenes im Wald aber keinen Kontakt miteinander. Das Kommando, das mit dem Fällen der Bäume beauftragt war, umfasste laut Kaiser ca. 50 Häftlinge. Diese verließen Gunskirchen gegen 7 Uhr morgens und kehrten gegen 18 Uhr aus dem Wald zurück.16 In der Gunskirchener Chronik wird von einzelnen Hilfsaktionen der Bevölkerung berichtet, bei denen Lebensmittel entlang des von den KZ-Häftlingen beschrittenen Weges oder in den Pferdedecken der Fuhrwerke der Bauern zum Holztransport versteckt wurden.17
Die Zustände, unter denen die Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten, waren katastrophal. Die Chronik der Gemeinde Gunskirchen berichtet: „Diese KZler machten einen jämmerlichen Eindruck, wenn sie am Morgen hin und am Abend von der Arbeitsstätte zurückmarschierten. Es kam nicht selten vor, dass einer während des Marsches vor Hunger und Erschöpfung zusammenbrach. Er wurde dann von seinen Kameraden auf den Schultern zur Schule geschleppt, denn der Marsch durfte deshalb nicht unterbrochen werden. Noch ärger als von der SS-Wachmannschaft wurden diese Leute von den eigenen Aufsichtspersonen, den sogenannten Kapos, behandelt. Auch kam es vor, dass diese Leute wegen eines geringen Vergehens oder einem angeblich unternommenen Fluchtversuch einfach erschossen wurden. […] Die dünne Wassersuppe wurde ihnen mittags in Kesseln in den Wald nachgeführt.“18
Bereits in den ersten Wochen der Bauphase fanden infolge dieser grausamen Bedingungen 30 Menschen den Tod.19
Noch bevor das Lager im „Hochholz“ fertiggestellt war, wurde es Ende März 1945 in ein Sammel- und Anhaltelager für Tausende KZ-Häftlinge aus dem Konzentrationslager Mauthausen umgewidmet. Die zum Großteil ungarischen Jüdinnen und Juden waren als Reaktion auf das Vorrücken der sowjetischen Armee in Todesmärschen von den Stätten der Zwangsarbeit im Rahmen des Baus des Südostwalls von der Grenze zwischen Österreich und Ungarn ins Stammlager Mauthausen und von dort weiter nach Gunskirchen getrieben worden. Die Todesmärsche fanden im April 1945 statt. In der Chronik der Bezirksgendarmerie Wels wird die Ankunft Tausender KZ-Häftlinge aus dem Stammlager Mauthausen am 17. und 28. April 1945 erwähnt, während die Chronik der Gemeinde Gunskirchen von einer Ankunft am 18. April 1945 berichtet.20 Zum Zeitpunkt des Eintreffens der Häftlinge hatte erst eine Baracke ein Betonfundament, die Dächer der Baracken waren nicht fertig und Küche, Wasserleitungen, Abwasserkanal und sanitäre Einrichtungen nicht vorhanden. Fertiggestellt waren lediglich der elektrische Zaun und zwei Latrinen.21 Das Lager in der Volksschule bestand parallel zu jenem im Wald weiter.22
Das KZ-Außenlager war in einem dichten Kiefernwald errichtet worden, um aus der Luft möglichst wenig sichtbar zu sein. Lediglich eine kleine, ca. vier Kilometer lange Straße führte von der Hauptstraße zum Lager mitten im Wald, den der ehemalige KZ-Häftling Pal Bacs gar als „Urwald“ bezeichnete. Durch die abgeschiedene Lage soll die Bevölkerung von Gunskirchen von der Existenz des Lagers oder zumindest den dort herrschenden Zuständen nichts gewusst haben.23 Dieser Erzählung steht jedoch die Unterbringung der zum Lagerbau eingesetzten Häftlinge in der Volksschule im Ortszentrum sowie ihr täglicher Marsch in den Wald entgegen, ebenso wie die Todesmärsche durch den Ort. In der Chronik von Gunskirchen ist zudem festgehalten, dass auf dem Weg zwischen Gunskirchen und Wallnsdorf regelmäßig Schüsse zu hören waren.24
Die ursprünglich geplante Funktion des KZ-Außenlagers ist wie bereits erwähnt nicht geklärt. In der Chronik der Gemeinde Gunskirchen wird berichtet, dass die Verlagerung einer Kriegsproduktionsstätte aus Niederdonau nach Gunskirchen geplant war. Andere Quellen sprechen von einer Verlegung der Rüstungsindustrie von Neunkirchen25; eine Bewohnerin eines nahe gelegenen Ortes berichtete, dass geplant gewesen sei, eine Produktionsstätte der Firma Brevillier & Urban, die Schrauben für die Rüstungsindustrie herstellte, in dieses Waldstück zu verlegen und dort KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit einzusetzen.26 Die Nähe zu den KZ-Außenlagern Wels dürfte ebenfalls eine Rolle bei der Auswahl des Ortes gespielt haben. Es ist davon auszugehen, dass das Lager ursprünglich für die Kriegsproduktion geplant war.27 Diesen Zwecken wurde es aber nicht zugeführt.
Anfang April 1945 wurden 17.000 bis 20.000 ungarische Jüdinnen und Juden aus den Konzentrationslaern Mauthausen, Gusen, Melk, Wien-Floridsdorf und den Lagern des Südostwallbaus in dreitägigen Todesmärschen in das Waldlager nahe Gunskirchen getrieben. Dort wurde das errichtete Lager zu einem Auffang- und Sammellager für mehr als 20.000 fast ausschliesslich jüdische Menschen. Ihre Heimat lag zumeist in Ungarn und den von Ungarn besetzten Gebieten der Tschechoslowakei, Rumäniens und dem Karpatenland, aber auch in Polen, Frankreich, Belgien, Litauen und anderen europäischen Ländern..28 Viele unter ihnen waren schon seit einigen Jahren Gefangene im KZ-System Mauthausen-Gusen oder anderen Konzentrationslagern.
Ein Luftbild einer US-Aufklärungseinheit vom 20. April 1945 zeigt das Konzentrationslager im Wald an der Straße, die von der Bundesstraße 1 auf der Höhe von Gunskirchen nach Süden in Richtung Saag führt. Das KZ-Außenlager lag einige hundert Meter südlich der Bundesstraße. Die Standplätze der Baracken waren nur notdürftig gerodet, ansonsten ist nur Wald zu sehen. Dass das Lager noch nicht fertiggestellt war, lässt sich auch anhand des Luftbilds feststellen.
Im Süden standen die Baracken 1 und 2 in Nord-Süd-Richtung. Nach Norden schlossen etwa im 45-Grad-Winkel die Baracken 3 bis 8 an, die alle mit der Schmalseite zur Straße nach Saag ausgerichtet waren. Ebenfalls parallel dazu, aber etwas nach Südosten versetzt, standen die Baracken 9 und 10. Die Holzbaracken waren sehr niedrig und hatten im Inneren keinen befestigten Boden. Auf der anderen Straßenseite befand sich die SS- und Küchenbaracke. Die Baracken waren zwischen 6 und 10 Meter breit, der Abstand zwischen den Baracken betrug ca. 20 Meter. Alle Baracken waren ca. 90 Meter lang. Heute sind noch Fundamentreste der Baracke sowie des Ofens in dieser Baracke sichtbar. Auf dem Luftbild entspricht diese in Größe und Form den Häftlingsbaracken. Die Dächer der Baracken 1, teilweise 2, 8, 9 und auch zum Teil der SS-Baracke waren zum Zeitpunkt der Luftbildaufnahme noch nicht komplett gedeckt.
Auf dem Gelände des KZ-Außenlagers Gunskirchen befinden sich heute noch zwei Latrinen aus Beton. Es handelt sich um Fäkaliengruben, die über das Gelände verteilt waren und so ein Minimum an hygienischen Standards gewährleisteten. Auf den Latrinen lagen je fünf Bretter mit vier Löchern.29
Im KZ-Außenlager Gunskirchen und den provisorischen Baracken herrschte ein unvorstellbares Gedränge. Es gab kaum Wasser und keine Möglichkeiten, sich zu waschen. Nach Angaben des Häftlings Pal Bacs befand sich neben der Landstraße nach Saag eine Zisterne. Die einzelnen Holzbaracken im Waldlager waren ursprünglich für 300 Gefangene konzipiert. Letztendlich aber mussten zwischen 2.500 und 3.000 darin Platz finden. Durch die Überbelegung konnten die Menschen nur mehr eng aneinandergedrückt am Boden sitzen.
Laut Aufzeichnungen der Befreier der 71. Infanterie-Division der U.S. Army stammte die Mehrzahl der Häftlinge aus Ungarn. Nach diesem Report befanden sich auch politische Häftlinge aus Deutschland, Österreich, der ehemaligen Tschechoslowakei und dem ehemaligen Jugoslawien im Lager. Unter den Häftlingen sollen sich auch Ärzte befunden haben, die Erkrankte versorgten.30 Die Chronik von Gunskirchen erwähnt zudem zahlreiche Hochschulprofessoren, Rechtsanwälte und Ingenieure, auch aus Rumänien und Polen.31
Die Gesamtzahl der Todesopfer im KZ Gunskirchen wird unterschiedlich geschätzt, bewegt sich aber im Bereich zwischen 2.500 und 6.500.32 Ausgegangen werden kann von der Schätzung von Andreas Kranebitter von 3.382 Toten im KZ Gunskirchen sowie weiteren 1.000 Toten am Weg vom KZ Mauthausen ins KZ Gunskirchen.33 Laut Historiker*innen haben von den 17.000 bis 20.000 nach Gunskirchen verschleppten Häftlingen etwa 13.500 überlebt.34
Die unzähligen Toten des KZ-Außenlagers Gunskirchen wurden zum Teil in Massengräbern beerdigt, häufig blieben die Leichen aber auch auf den Lagerstraßen liegen. Nach Schätzungen der amerikanischen Befreier wurden etwa 3.000 Tote – in Massengräbern verscharrt oder nicht einmal beerdigt – im Konzentrationslager aufgefunden.35 Nach der Befreiung starben allein im Krankenhaus in Wels noch weitere 1.031 ehemalige KZ-Häftlinge, die am Welser Friedhof bestattet sind.36
Die Leitung des Lagers übernahmen vermutlich Heinrich Häger und Paul Anton Kaiser, einen Arzt gab es im Waldlager in Gunskirchen nicht. Die Bewachung wurde zum Großteil von Polizei und Feuerwehr aus Wien übernommen. Heinrich Häger kam Ende Dezember 1944 nach Gunskirchen und war bis zur Befreiung des Lagers stellvertretender Kommandoführer. In dieser Funktion war er für den Bau des Lagers sowie für die Organisation der Wachmannschaften verantwortlich. Er wurde im Dachauer Mauthausen-Prozess zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet.
Auch Paul Anton Kaiser wurde bereits 1944 mit der Bauleitung des KZ-Außenlagers Gunskirchen beauftragt und war bis Mitte Februar 1945 für den Bau verantwortlich. Anschließend übernahm er die Organisation des in der Schule stationierten Holzfällerkommandos. Nach eigenen Angaben hat er das Waldlager Gunskirchen nie betreten. Auch er wurde im Dachauer Mauthausen-Prozess zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet.37
Eine nach Kriegsende befragte Person, die in der Nähe des Lagers lebte, schilderte die Zusammensetzung der Wachmannschaften folgendermaßen: „Die SSler waren, abgesehen von den Offizieren, alles Männer von 55 bis 65 Jahren, die zu alt für das Militär waren. Die SSler haben alle in der Verwaltungsbaracke gewohnt. Es waren ja nicht so viel. Die waren eher abgeschottet. Die Offiziere waren in Gunskirchen in der Schule untergebracht. […] Die Bewacher, die waren zum größten Teil alles Oberösterreicher. Die haben am Wochenende, wenn’s gegangen ist, Besuch von ihrer Familie gekriegt. Die haben ja auch alle schon gewusst, dass der Krieg bald aus ist. Die hatten bei uns schon Zivilkleider eingelagert.“38
Quellen
Quelle: Interview Helen Balsam
Quelle: Interview Hugo Gabriel Gryn
Quelle: Interview Nicholas Halmay
Quelle: Interview Shaul Spielmann
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