Therese Müller gelesen von Konstanze Breitebner
Ab nach Gunskirchen
Die Front nähert sich von mehreren Seilen. Das wissen wir. Aber was soll aus uns werden? Die Deutschen sammeln alle jüdischen Frauen und Männer im Lager. Viele sind direkt aus Ungarn gekommen und tragen noch ihre eigenen Kleider. Wir Frauen werden in einer Gruppe gesammelt. Dann die Männer separat. Wir sind zum Abmarsch bereit.
Ich habe immer noch mein blaues Wollkleid an, meine schmutzige Unterwäsche und die gleichen zerschlissenen schwarzen Schuhe. Ich kann noch laufen, aber ich habe meine Schwächegrenze erreicht. Bei vielen sind schon die Füße und das Gesicht um die Augen angeschwollen. Das ist ein sehr schlechtes Omen.
Man teilt uns mit, dass wir einen langen Weg zu Fuß marschieren müssen. Wer das Gefühl hat, das nicht zu schaffen, kann im Lager bleiben. Aber sehr wenige bleiben hier. Das Klügste, was man machen kann, ist, einfach weiterzugehen, so weit weg von Deutschland, wie man nur kann.
Wir müssen uns in Reihen aufstellen, in jeder Reihe fünf Personen. Diese Reihen werden in Marschkolonnen aufgeteilt. Wir bilden vier oder fünf Kolonnen. In jeder gibt es unzählige Menschen. Ich stehe in der ersten Gruppe. Wir bekommen etwas zu essen. Das gleiche seifenartige und verschimmelte Brot wie immer. Ein dünnes Scheibchen „Etwas“ drauf und eine Stück Margarine. Vor dem Abmarsch wird sogar Suppe verteilt.
Sie lassen uns wissen, dass der Weg bis zum nächsten Lager 60 km lang ist. Wir werden zwei Tage marschieren müssen. Die Gittertore werden geöffnet. Jetzt sind wir schon auf dem Weg. Manchmal machen wir eine Pause und ruhen uns etwas aus. Aber hinsetzen darf sich keine.
Erst jetzt merken wir, dass wir Wachen dabeihaben, die uns zu Fuß begleiten. Gleichmäßig verteilt gehen sie auf beiden Seiten unserer Kolonnen. Diese Soldaten sehen etwas älter und müder aus. Sie sind ernst und traurig. Auch ihre Uniform sieht anders aus. Ihre Schnürstiefel sind sehr mitgenommen, ihre Kleider zerlumpt. Sie gehören zur Wehrmacht.
Nachdem wir die Straße erreicht haben, kommen sie näher an unsere Reihen. Sie sagen uns, dass wir uns unterwegs auf keinen Fall hinsetzen dürfen. Auch dann nicht, wenn es erlaubt wäre. Ins Lager werden wir nicht zurückkehren. Auch dann nicht, wenn es angeboten wäre. Wenn eine sich schwach oder krank fühlt, soll sie in der Mitte der Reihe gehen. Die anderen sollen helfen und, wenn es sein muss, sie mitschleppen. Sich unterwegs hinsetzen: Gefährlich! Ins Lager zurückkehren: Gefährlich!
Auf einmal sehe ich mehrere Fiaker mit SS-Leuten auf der Straße. Sie fahren an unseren Kolonnen vorbei. Sie gehören zu einem anderen Teil unserer Wachen. Danach erscheint die schwarze SS-Mannschaft. Sie sind mit Motorrädern unterwegs. Sie fahren immer vorwärts und zurück an unseren Kolonnen vorbei.
Unser Weg führt jetzt über eine Brücke. Neben mir marschiert ein Wehrmachtssoldat. Ich frage ihn, wo wir jetzt sind. Er antwortet: „In der Nähe von Linz.“ Jetzt werden wir von der SS über Lautsprecher aufgerufen: Alle, die müde oder krank sind, dürfen ins Lager zurückkehren! Wir kommen gerade über eine Brücke, hier haben die Erschöpften und Kranken noch die Möglichkeit, auf dem gleichen Weg zurückzukehren. Es reagiert kaum jemand darauf.
Der Weg ist lang. Er führt durch grüne Wiesen und Felder. Hier gibt es viele Pflanzen, die unseren Hunger lindern könnten. Da und dort springt jemand aus den Reihen, um ein paar grüne Blätter abzureißen. Auf solche Häftlinge wird jedes Mal geschossen. Sie werden verletzt, aber nicht tödlich. Die Verletzten versuchen wir mitzuziehen.
Während der Pausen können wir uns nur sehr kurze Zeit ausruhen. Wegen meiner Müdigkeit komme ich in der Gruppe immer mehr nach hinten. Langsam bin ich schon ganz hinten gelandet – als ich etwas sehe: Viele haben schon aufgegeben und sich an den Straßenrand gesetzt. Die schwarz gekleideten SS-Leute fahren mit ihren Motorrädern vor und zurück und schießen allen in die Schläfe, die sich an den Straßengraben gesetzt haben. Sie liegen alle da, eine nach der anderen, und das Blut fließt in Strömen über ihre Gesichter. Manchmal hat jemand eine Mütze über ihre Augen gezogen.
Wir sind alle jung. Jetzt existieren nur noch junge Menschen. Es ist schrecklich zu sehen, dass sie alle jung sind, meine Altersgruppe. Die Straßengräben werden mit 19/20-jährigen toten Menschen gefüllt. Dieser Anblick wird nie im Leben vor meinen Augen verschwinden.
Wir müssen unseren Weg noch lange weitergehen, bis wir zu einem grünen Feld kommen. Hier sehen wir einen großen Hügel voller Laubbäume. Unten ist eine grüne Wiese. Hier kommen wir später am Tag an. Angeblich bleiben wir da und werden die Nacht hier verbringen. Ich sehe, dass auch männliche Häftlinge in großen Gruppen mit uns gekommen sind. Ein Mädchen erzählt, dass viele Männer und Frauen direkt aus Ungarn nach Mauthausen gebracht wurden. Sie kamen in Marschkolonnen mit viel Elend, Entbehrung und unter ständiger Lebensgefahr. Wir schauen die Männer an. Aber wir trauen uns nicht, sie anzusprechen. Diese Häftlinge lassen sich am Fuß des Hügels auf dem Feld nieder.
Die Frauen werden etwas höher auf den Hügel getrieben. Wir bekommen unseren Platz ganz oben auf dem Hügel, auf einer grünen Wiese. Diese wird von Bäumen umrahmt. Unsere Wiese hier oben ist sehr breit. Ich versuche zu schlafen und lege mich in die erste Reihe auf den Bauch. So liegen wir in Reihen, eine neben der anderen. Die erste Reihe, in der ich liege, teilt das Gebiet in zwei Hälften. Vor uns ist die andere Hälfte der Wiese leer, dahinter beginnt der Wald.
Hier oben auf dem Hügel erscheint manchmal eine Wache und macht eine Runde. Sie sind unsere Wachen, junge SS-Soldaten – grün und jung. Von hier oben sehen wir die Männer, die unten auf der Wiese liegen. Bald wird es Nacht mit zartem Mondschein.
Ich sehe, dass jemand langsam an unseren Reihen vorbeikriecht. Er sucht ein Mädchen, das er auch findet. Es ist das zweite, das rechts von mir liegt. Die beiden sind Geschwister. Sie haben sich während des Tages irgendwie erkannt. Jetzt halten sie einander an der Hand und reden sehr leise miteinander.
Plötzlich hören wir einen Schuss. Ein junger SS-Mann steht über uns. Der Bruder ist jetzt tot. Der SS-Mann ruft einige männliche Häftlinge. Er lässt den Toten wegschleppen und gibt den Befehl, dass er begraben wird. Der SS-Mann kommt langsam wieder zu uns zurück. Er bleibt bei dem Mädchen stehen. Er schlägt seine Hacken zusammen. Dann sagt er laut und höflich: „’Tschuldigen Sie, Frau, dass ich ihn abschießen musste. Die Männer haben alle Läuse. Ich wollte nicht, dass diese auch auf Sie übertragen werden.“ Dann schlägt er wieder die Hacken zusammen und verschwindet. Danach findet man keine Worte. Diese Worte sind die erschreckendsten, die ich in meinem Leben hörte. Das Leben eines Menschen gegen Läuse!
Die Sonne geht auf. Wir müssen weiter. Auch ich schleppe mich langsam voran. Jedenfalls versuche ich es. Jetzt marschiere ich wieder in der ersten Kolonne. Bald sind wir in einer Stadt. Wir gehen auf der Straße und biegen auf einer Brücke ab. Nach der Brücke geht es nach links. So kommen wir in die Hauptstraße der Stadt. Hier gehen wir an mehreren großen Gebäuden auf der rechten Seite der Straße vorbei. In diesen schönen Gebäuden befinden sich die Post und andere Ämter. Vor den Gebäuden, auf dem Bürgersteig, stehen und warten viele Menschen in Zivilkleidung. Sie halten große Geschirre in ihren Händen, voll mit frisch gekochten Kartoffeln. Sie schütten die Kartoffeln vor unsere Füße. Die Leute werden sofort von der SS bedroht. Aber diese Menschen – sicherlich Einheimische – drohen der SS mit ihren Fäusten zurück. Es kommt fast zu einer Schlägerei. Die Zivilisten schreien, dass ihnen völlig egal ist, was die SS sagt. Wir heben schnell die Kartoffeln auf, wenn wir können, und gehen weiter.
Das Lager Gunskirchen
Wir müssen noch ein gutes Stück laufen, bis wir in einen Wald kommen. Auf einmal steht es vor uns: ein Lager, von einem hohen Drahtzaun umgeben. Es sind Baracken auf einem großen Areal verstreut. Große Gittertore für breite Fahrzeuge. Der Weg, den wir marschieren, setzt sich in einer sehr breiten Barackenstraße fort, die durch das ganze Lager führt. Wir fühlen uns erleichtert. Hier im Lager werden wir wieder Gelegenheit haben, uns irgendwo hinzusetzen, ohne dass uns deshalb jemand abschießt.
Die Sonne bescheint jetzt etwas ganz Unglaubliches: einen Sammelplatz für jüdische Gefangene. Fast am Ende des Krieges. Es ist eine primitive Endstation für all die menschlichen Wracks, die sich noch bis hierher schleppen konnten. Eine unvorstellbar große Anstrengung, die vielleicht völlig sinnlos war. Den Deutschen ist schon völlig bewusst, dass sie den Krieg verlieren, sie wissen ganz genau, dass die Alliierten schon in der Nähe sind. Sie wissen, dass sie gezwungen werden zu kapitulieren. Trotz allem wollen sie aber immer noch beenden, was sie begonnen haben. Was sie so sorgfältig planten. Die Endlösung der Judenfrage. Die Endlösung, dass sie uns alle töten.
Was ist das für eine Zukunft für uns! Und für sie!
Wir hoffen, dass die Alliierten schnell vorrücken.
Der umliegende Wald gibt einen schönen Rahmen für dieses schreckliche Lager. Hier gibt es überhaupt keine Ordnung, keine Anordnungen, und es gibt kaum etwas zu essen. Es gibt nicht genug Wasser, dass wir unseren Durst löschen können. Die sanitären Verhältnisse sind katastrophal.
Wir verteilen uns im Lager. Wir können herumlaufen, wie wir wollen, und wohnen, wie und wo es sich ergibt. Frauen und Männer werden nicht getrennt. Es scheint mir, dass die Baracken hier kleiner sind als in den früheren Lagern. Sie haben auch keine Einrichtung. Es gibt keine Schlafplätze, eigentlich gar nichts. Die meisten von uns haben ein aufgeschwollenes Gesicht und Schwellungen rund um die Augen. Wir befinden uns alle in einem schrecklichen Zustand. Viele sind dem Tod schon sehr nahe.
Viele von uns finden Bekannte. Ich treffe auch mehrere Menschen, die ich noch von früher kenne. Eine ganze Menge sind direkt aus Arbeitslagern in Ungarn hierhergekommen. Wir setzen uns in eine Baracke und unterhalten uns. Wir sind alle sehr müde und haben großen Hunger. Unser Durst ist kaum noch zu ertragen. Aber worüber wir einander erzählen, das ist unser anderes, früheres Leben.
Die Baracken sind nachts bis zum Bersten voll von Menschen. Allein der Gedanke, dass ich in der Nacht mit so vielen Menschen zusammengepfercht bin, gibt mir ein furchtbares Gefühl. Als ich sehe, dass sie alle in die Baracken gehen, um einen Fußbreit Platz zu bekommen, wo man sich ausruhen kann – in meinem Kopf erscheint jetzt das Bild vom Frankfurter „Narrenhaus“ [Anm.: die städtische psychiatrische Klinik Frankfurts] –, schleiche ich mich leise hinaus. Bevor die Türen für die Nacht abgeschlossen werden, gelingt es mir, unauffällig hinauszukommen. Und draußen unter freiem Himmel zu schlafen. Ich habe Angst, entdeckt zu werden, aber es liegt überall so viel Gerümpel herum, dass ich bezweifle, von jemandem gesehen zu werden. An der Seite unserer Baracke, vielleicht 5 m von ihrer Fassade entfernt, versuche ich so gerade ausgestreckt zu liegen, dass ich in das Fundament der Baracke fast hineinschmelze.
Mein Kleid ist dunkel und in der Dunkelheit der Nacht nicht zu sehen. Der blaue Wollstoff gibt mir einen gewissen Schutz gegen die nächtliche Kälte und Feuchtigkeit. Am frühen Morgen, als die Türen geöffnet werden, schleiche ich wieder unauffällig an meinen Barackenplatz zurück. Ob auch noch andere ähnlich wie ich übernachteten? Während der Nacht habe ich einige Schatten gesehen.
Autobus vom Roten Kreuz
Die Menschen fallen rettungslos wie die Fliegen. Sie sind Opfer von Krankheiten, Hunger und Durst. Die Toten werden auf der einen Seite der Barackenstraßen in Reihen aufgestapelt. Bei unserer Ankunft waren wir noch 15.000 Menschen. Seither sind Unzählige von uns gestorben.
Eines Tages kommt ein Autobus vom Roten Kreuz in unser Lager. Er ist mit Lebensmitteln vollgepackt. Man baut einen Tisch auf, und wir stellen uns in die Schlange, um etwas zu essen zu bekommen. Ich erhalte eine ganze Kilo-Packung Zucker! Der muss ganz langsam aufgegessen werden. Ich werde versuchen zu sparen, damit er lange hält. Ein wenig gebe ich auch meinen Freundinnen, die kein Essen bekommen haben. Für viele von uns war es schon zu spät, um etwas zu essen zu erhalten. Ihnen kann man sowieso nicht mehr helfen. Der Rot-Kreuz-Bus verlässt das Lager. Wir sind wieder eingesperrt. Ohne Kontakt zur Außenwelt.
Als wir eines Nachmittags zusammensitzen, spricht einer der Häftlinge, ein groß gewachsener, netter, rothaariger junger Mann, darüber, was er tun wird, wenn der Krieg vorbei ist. Er spricht über Literatur und Poesie. Er plant eine Zukunft voller Leben. Es sieht so aus, dass er damit sehr zufrieden ist, was seine Gedanken hier aufheizen, aber er selbst sieht aus wie ein aufgeschwollenes Skelett. Am nächsten Morgen ist er schon nicht mehr unter den Lebenden. Das schmerzt mich besonders, weil er so voller Lebenslust war. Nur ein Tag hat ihn von der Freiheit getrennt.
Therese Müller: Als junge ungarische Jüdin im Holocaust. Aus Jászberény durch Auschwitz, das KZ-Außenlager Walldorf beim Flughafen Frankfurt am Main, Ravensbrück, Mauthausen und Gunskirchen nach Schweden 1925–2007. Konstanz: Hartung-Gorre Verlag 2014. S. 129–131.
Therese Müller: Als junge ungarische Jüdin im Holocaust. Aus Jászberény durch Auschwitz, das KZ-Außenlager Walldorf beim Flughafen Frankfurt am Main, Ravensbrück, Mauthausen und Gunskirchen nach Schweden 1925–2007. Konstanz: Hartung-Gorre Verlag 2014. S. 132–133.
Therese Müller: Als junge ungarische Jüdin im Holocaust. Aus Jászberény durch Auschwitz, das KZ-Außenlager Walldorf beim Flughafen Frankfurt am Main, Ravensbrück, Mauthausen und Gunskirchen nach Schweden 1925–2007. Konstanz: Hartung-Gorre Verlag 2014. S. 133–134.