Daniel Chanoch
Quelle: Interview Daniel Chanoch
Kapitel 4
Das KZ-Außenlager Gunskirchen wurde am 4. Mai 1945 von amerikanischen Truppen erreicht und befreit. In den Tagen zuvor hatte die SS das Lager bereits verlassen, und die Häftlinge waren sich selbst überlassen worden.
Als die ersten amerikanischen Späher das Gelände betraten, fanden sie ein kaum fassbares Bild: ein eingezäuntes Waldstück voller Leichen und sterbender Menschen. Sie meldeten: „Wir wissen nicht, wo wir sind, aber hier ist eine Art Gefängnis, viele Tote und viele Kranke liegen hier herum […]. Wir brauchen schnell medizinische Hilfe.“
Kurz darauf erreichten Einheiten der 71. US-Infanterie-Division das Lager. Sie sahen Menschen, die im Schlamm lagen, krochen und sich kaum noch auf den Beinen halten konnten. Der Geruch des Todes war allgegenwärtig und prägte sich tief in die Erinnerung der Soldaten ein.
Bereits vor der Ankunft der amerikanischen Armee herrschte nach dem fluchtartigen Aufbruch der SS aus dem Lager Aufregung unter den Häftlingen. Hunger, Krankheit und völlige Erschöpfung bestimmten weiterhin den Alltag, während Einzelne das Lager bereits vor dem Eintreffen der Amerikaner verließen.
Viele Überlebende strömten den Soldaten entgegen und baten um Hilfe. Die amerikanischen Truppen begannen sofort mit der Versorgung, organisierten Wasser und Lebensmittel und versuchten, eine erste Ordnung herzustellen. Gleichzeitig wurden die Folgen der jahrelangen Unterernährung sichtbar: Zahlreiche Häftlinge starben in den Tagen der Befreiung an der Dosennahrung oder der Schokolade, die ihnen von den amerikanischen Soldaten gegeben wurde, da ihre Körper nicht fähig waren, größere Mengen an Nahrung aufzunehmen.
Auch an den Tagen nach der Befreiung blieb die Lage chaotisch. Zahlreiche Menschen, die in Notunterkünfte und Spitäler der Umgebung gebracht worden waren, erlagen dort den Folgen von jahrelangem Hunger und Krankheit. Die von den Amerikanern gefangen genommenen ehemaligen deutschen Soldaten und SS-Angehörigen wurden gezwungen, Massengräber für die unzähligen Toten auszuheben. In frühen Aufzeichnungen wurden in sieben Massengräbern zwischen 3.000 und 6.500 Tote dokumentiert.
Erst nach und nach konnten sich die wieder zu Kräften gekommenen ehemaligen KZ-Häftlinge auf den Rückweg in ihre Heimat machen.
Das KZ-Außenlager Gunskirchen wurde von amerikanischen Truppen am 4. Mai 1945 befreit. Bereits in den letzten Tagen vor der Befreiung war der Alltag im Lager ein anderer.
Der Überlebende Stephan Virányi berichtete, dass der SS-Lagerführer von Gunskirchen mit dem Herannahen der amerikanischen Truppen einen Lkw mit weißer Fahne zu diesen schickte, um einen Brief an den amerikanischen Kommandostab zu übergeben. In diesem Schreiben soll mitgeteilt worden sein, dass der Lagerführer den Befehl erhalten habe, sämtliche Häftlinge in die Baracken einzusperren, Fenster und Türen zu verschließen und das Lager zu vernichten. Sollte den SS-Wachen gestattet werden, das Lager vor der Ankunft der Amerikaner ungehindert zu verlassen, werde der Lagerführer den Befehl zur Ermordung aller Häftlinge nicht ausführen.
Die Amerikaner sollen auf dieses Angebot eingegangen sein.1
Daraufhin verließen die SS-Wachen das KZ-Außenlager Gunskirchen bereits am 3. Mai 1945. Davor hatten sie noch versucht, die Häftlinge möglichst viele Leichen vergraben zu lassen.2 Als Gegenleistung erhielten die Häftlinge laut Berichten der US-amerikanischen Befreier, die sich auf Gespräche mit Überlebenden stützten, eine von ihnen als „äußerst großzügige betrachtete Lebensmittelration: ein Stück Zucker pro Person und einen Brotlaib für jeweils sieben Personen“.3
Bereits vor der Ankunft der amerikanischen Armee herrschte nach dem fluchtartigen Aufbruch der SS aus dem Lager Aufregung unter den Häftlingen. So berichtete der damals 15-jährige Emil Herman etwa davon, schon am 4. Mai selbstständig mit zwei Freunden aufgebrochen zu sein, noch bevor die Amerikaner das Lager erreichten.4
Die amerikanischen Truppen der 71. Infanterie-Division der 3. US-Armee erreichten den Ort Gunskirchen am 4. Mai 1945 und konnten diesen kampflos einnehmen. Auf der Suche nach einem vermeintlichen „SS-Lager in Gunskirchen“ erreichten die Späher Bill Jucksch und Peter Carnabucci noch am selben Tage als Erstes das KZ-Außenlager im „Hochholz“ bei Gunskirchen. Sie meldeten ihrem Kommandanten: „Wir wissen nicht, wo wir sind, aber hier ist eine Art Gefängnis, viele Tote und viele Kranke liegen hier herum, alle sind eingezäunt. Wir brauchen schnell medizinische Hilfe.“5
Am Abend erreichten die Truppen der 71. Infanterie-Division der 3. US-Armee das Konzentrationslager. Hinter dem Lagertor sahen sie Menschen schlurfend, kriechend oder in knöcheltiefem Schlamm liegend. Der Waldboden war mit Leichen übersät. Entsetzlicher Gestank von menschlichen Exkrementen hing in der Luft. Die Erlebnisse und Eindrücke der US-amerikanischen Befreier wurden in der Broschüre „The Seventy-First Came … to Gunskirchen Lager“ festgehalten, die die schrecklichen Zustände dokumentieren sollte und eine große Auflage in den USA erreichte.
Die ersten Eindrücke der amerikanischen Soldaten waren von Entsetzen geprägt: Captain J.D. Fletcher berichtete von Hunderten verhungernden Häftlingen, die den amerikanischen Soldaten auf der Fahrt ins Lager auf der schmalen Waldstraße entgegenkamen und um Essen und Zigaretten baten. Major Coffman berichtete über die Fahrt in den Wald: „Die Fahrt ins Lager entlang einer kleinen, schmalen Straße war die Erfahrung, vielen taumelnden Männern und Frauen auszuweichen, die immer noch vor dem Grauen des Erlebten flohen. […] Es ist unnötig zu erwähnen, dass sie nicht weit kamen, nur wenige Kilometer, andere ein paar hundert Meter, einige starben am Straßenrand. […] Ein Leutnant hielt inne, um einer Kreatur etwas Schokolade zum Essen zu geben. Der Mann starb in seinen Armen.“6 Zahlreiche Häftlinge starben kurz nach der Befreiung an der Dosennahrung oder der Schokolade, die ihnen von den amerikanischen Soldaten gegeben wurde, da ihre Körper nach den jahrelangen Strapazen und der Unterernährung nicht fähig waren, größere Mengen an Nahrung aufzunehmen.
Besonders deutlich in Erinnerung blieb den amerikanischen Soldaten der Gestank, der im Lager herrschte. Er sei das Erste gewesen, was sie vom Lager mitbekommen hätten. Captain J.D. Fletcher berichtete: „Dann kam das nächste Anzeichen dafür, für die Nähe des Lagers – der Geruch. Der Geruch von Gunskirchen hatte etwas an sich, das ich nie vergessen werde. Er war stark, ja, und durchdringend zugleich. Etwa sechs Stunden, nachdem wir den Ort verlassen hatten – sechs Stunden, die wir in einem Jeep verbracht hatten, während der Wind um uns herumpfiff –, konnten wir den Geruch von Gunskirchen immer noch wahrnehmen. Er hatte sich in unsere Kleidung eingegraben und blieb an uns haften. […] Der Geruch von Gunskirchen verursachte vielen der Amerikaner, die dorthin kamen, Übelkeit. Es war ein Geruch, den ich nie vergessen werde, völlig anders als alles, was ich je erlebt habe. Man konnte ihn fast sehen, und er hing wie ein Nebel des Todes über dem Lager.“7
Unmittelbar nach dem Eintreffen der Amerikaner versammelten sich große Gruppen von KZ-Häftlingen um die Soldaten und machten ein weiteres Vordringen unmöglich. Alle KZ-Häftlinge, die noch die Kraft dafür besaßen, verließen ihre Baracken, um die Amerikaner zu sehen. Sie küssten und umarmten die amerikanischen Soldaten. Ein ungarischer Häftling kletterte mit Erlaubnis der Amerikaner auf ihr Fahrzeug und bat seine Mithäftlinge, „den Amerikanern zu helfen, indem sie die Straßen mieden. Er sagte ihnen, dass die Amerikaner Lebensmittel, Wasser und medizinische Hilfe mitbrächten. Nach jedem Satz wurde er von lautem Jubel der Menge unterbrochen. Es war fast wie eine politische Rede.“8 Nach dem Ende der kurzen Rede machten die Häftlinge den Amerikanern den weiteren Weg ins Innere des Lagers frei.
Wie groß der Hunger war, zeigte sich auch an einer Szene, die amerikanische Soldaten beschrieben: Am Areal des Lagers lag der Kadaver eines Pferdes, das durch Geschützfeuer getötet worden war. Die Amerikaner beobachteten einen Häftling, der das rohe Fleisch des seit mehreren Tagen toten Kadavers aß. Am nächsten Tag war bereits die Hälfte des Kadavers abgeschnitten.9 Neben jenem nach Nahrung war auch der Ruf nach Wasser überall zu hören, erinnerte sich Major Cameron Coffman.10
Einige Häftlinge zeigten zudem großes Interesse an den aktuellen Entwicklungen des Krieges sowie an den Erfolgen der amerikanischen und sowjetischen Armee.11
Die amerikanischen Truppen begannen umgehend mit der Organisation der Versorgung der Häftlinge. Aufgrund der langen Versorgungswege stellte die Lebensmittelbeschaffung jedoch ein großes Problem dar – bis einige Soldaten in der Nähe einen deutschen Versorgungszug entdeckten. Captain William R. Swope fuhr den Zug mithilfe eines österreichischen Zivilisten auf ein Nebengleis in der Nähe des Lagers. Bei den ersten Lebensmittelausgaben war sogar der Einsatz körperlicher Gewalt nötig, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.12
In einem deutschen Tankwagen wurde Wasser zum Lager gebracht. Zudem wurde in der Nähe von Gunskirchen ein Verpflegungslager entdeckt, aus dem getrocknete Nudeln, Erdäpfel, Suppen und Fleisch von Zivilist*innen unter Aufsicht amerikanischer Soldaten ins Lager transportiert wurden. Zahlreiche Häftlinge starben jedoch an der plötzlichen und ungewohnten Nahrungsaufnahme.13
Die damals in Gunskirchen lebende Zeitzeugin Meta Synk-Regensburg berichtete von den Ereignissen beim Lebensmittellager: „Die KZler haben das Lagerhaus geöffnet, Säcke angeschnitten und voller Freude […] in den Lebensmitteln gewühlt. […] Fünf sterbende KZler sind in den meterhohen Lebensmitteln gelegen und haben mit der Zunge nach Zucker geschleckt.“14 Laut Chronik der Bezirksgendarmerie Wels wurde die Ausgabe der Lebensmittel durch 20 amerikanische Soldaten organisiert, um eine gerechte Verteilung zu gewährleisten. Die Chronik der Gemeinde Gunskirchen hält hingegen fest, dass dies nicht gelungen sei.
Die Häftlinge des Waldlagers und des Lagers in der Volksschule wurden offiziell am 5. Mai 1945 entlassen.15 Nach Schätzungen der Amerikaner trafen sie bei ihrer Ankunft auf 15.000 lebende Häftlinge16, die das Lager nach und nach verließen. Auf Anordnung der Amerikaner wurden die befreiten Häftlinge in Notunterkünften sowie bei Privatpersonen im gesamten Bezirk Wels untergebracht.
Der Überlebende Daniel Chanoch erlebte die Befreiung des KZ Gunskirchen als überwältigend: „Die plötzliche Veränderung war unmöglich zu erfassen oder zu verstehen. Plötzlich brach alles zusammen. Die Deutschen verschwanden und ließen die Menschen fassungslos und verloren zurück: Was ist los? Was wird passieren? Was ist zu tun und was kann getan werden? […] Sobald Daniel und sein Freund Yankele bemerkten, dass Gunskirchen von der US-Armee besetzt worden war und die Deutschen in Eile flohen, verließen die beiden sofort das Lager. Die Hauptsache war wegzukommen, den Ort und die Aufregung um sie herum hinter sich zu bringen, sich zu befreien.“17
Shaul Spielmann berichtete, dass sich die Zivilbevölkerung versteckt habe, „sie hat Angst gehabt vor den Häftlingen, wollte nichts von ihnen wissen“.18 Die zahlreichen Kranken wurden in Notspitäler in Wels, Lambach, Bad Schallerbach und Hörsching gebracht. In den völlig überfüllten Spitälern brach eine Typhus- und Fleckfieberepidemie aus, die noch nach der Befreiung vielen ehemaligen Häftlingen das Leben kostete und sich auch auf die Bevölkerung und das Personal in den Spitälern ausbreitete.19
In den Tagen nach der Befreiung kam es laut Chronik der Bezirksgendarmerie Wels vereinzelt auch zu Racheakten gegen ehemalige Kapos und mutmaßliche Täter. Diese Behauptung kann nicht als gesichert angesehen werden, wird jedoch durch zwei Fotografien gestützt, die ermordete Wächter zeigen, an denen allerdings keine SS-Uniform zu erkennen ist.20 Auch der Polizeichef von Wels, Polizeikommissar Markut, ein hoher SS-Offizier, soll laut Chronik der Gemeinde Gunskirchen von polnischen Überlebenden erkannt und durch sieben Messerstiche schwer verletzt worden sein. Eine damals in Gunskirchen wohnhafte Person bestätigte die Lynchjustiz an Kapos oder anderen Funktionshäftlingen in einigen Fällen: „Den Innendienst hatte ein Kapo Fischer, dem nachgesagt wurde, dass er KZler ins Jenseits beförderte. Er wurde nach der Befreiung von den Häftlingen auch so geschlagen, dass er an Ort und Stelle verstarb.“21
Die von den Amerikanern gefangen genommenen ehemaligen deutschen Soldaten und SS-Angehörigen wurden gezwungen, Massengräber für die unzähligen Toten auszuheben. So berichtete der US-Soldat David L. Ichelson, dass seine Einheit zwei Wochen lang in Gunskirchen stationiert war, um die Soldaten beim Ausheben der Gräber zu bewachen.22 Unzählige Häftlinge wurden in den darauffolgenden Wochen in Massengräbern bestattet.23
Eine Bewohnerin von Gunskirchen berichtete: „Die gewesenen Nazi wurden hingeholt und mussten gleich neben dem Lagerhaus, neben den Rotawerken, aufgraben, und dort wurden die Toten verscharrt. Auch in der Schottergrube unten wurden welche begraben. Sie sind dann später alle wieder ausgegraben worden und sind dann im KZ in einem Massengrab beigesetzt worden. Das war natürlich nur eine momentane Lösung. Denn Särge haben sie natürlich auch nicht gehabt. Und im Friedhof hatten sie auch nicht alle begraben können. Und so haben die Nazi zur Strafe den Auftrag gehabt, die Grube zu schaufeln.“24
Ein Massengrab, in dem mehrere hundert Tote aus dem KZ-Außenlager Gunskirchen beerdigt wurden, ist auch am Areal des Fliegerhorstes nachgewiesen.25 Zahlreiche Tote, die kurz nach der Befreiung verstarben, wurden am Stadtfriedhof Wels begraben. Zwischen Mai und August 1945 wurden dann über 1.000 Tote in den Friedhof Linz-Süd überführt.26 Ein Teil dieser Toten dürfte aber aus anderen Lagern stammen und kann dadurch nicht allein dem KZ Gunskirchen zugeschrieben werden. Nachdem nach Kriegsende noch weitere Gräber gefunden wurden, sind insgesamt 5.000 Tote in einer Meldung des Gendarmeriepostens Lambach vom 16. September 1946 dokumentiert.2728Diese teilen sich vermutlich auf etwa 3.500 Tote im KZ Gunskirchen und 1.000 bis 1.500 Tote nach der Befreiung auf; diese Zahlen können aber nicht als gesichert angesehen werden. In früheren Aufzeichnungen wurden in sieben Massengräbern zwischen 3000 und 6.500 Tote dokumentiert.
Über die meisten Täter des KZ-Außenlagers Gunskirchen ist heute nur wenig bekannt. Der stellvertretende Kommandoführer Heinrich Häger, der für die Überwachung des Baukommandos sowie für die Wachen im KZ-Außenlager verantwortlich war, wurde im Dachauer Mauthausen-Prozess zum Tode verurteilt.29 Dieses Urteil wurde am 27. Mai 1947 vollstreckt.30 Der mit der Bewachung des Holzfällerkommandos beauftragte Paul Anton Kaiser wurde beim Eintreffen der Amerikaner in der ehemaligen Volksschule Gunskirchen vorgefunden. Er wurde nicht verhaftet, allerdings später im Mauthausen-Prozess ebenfalls zum Tode verurteilt.31 Das Urteil wurde am 28. Mai 1947 vollstreckt.32 Über weitere Täter sind weder Informationen erhalten noch Prozesse oder Verurteilungen dokumentiert.
Quellen
Quelle: Interview Daniel Chanoch
Quelle: Interview Floyd Dade
Quelle: Interview George Heller
Quelle: Interview Helen Balsam
Quelle: Interview Horace Berry
Quelle: Interview Hugo Gabriel Gryn
Quelle: Interview Jehuda Gurwich
Quelle: Interview Michael Kraus
Quelle: Interview Nicholas Halmay
Quelle: Interview Shaul Spielmann
Quelle: Interview Irving Balsam
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