Edith Eger
Quelle: Interview Edith Eva Eger
Kapitel 1
Im Herbst 1944 begann das nationalsozialistische Regime mit dem Bau des sogenannten Südostwalls, einer Verteidigungslinie entlang der heutigen österreichisch-slowakisch und österreichisch-ungarischen Grenze. Sie sollte den Vormarsch der Roten Armee aufhalten. Errichtet wurde sie größtenteils von ungarischen Jüdinnen und Juden unter Zwangsarbeit.
Mit dem weiteren Vorrücken der Roten Armee und der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der militärischen Lage wurden die Zwangsarbeitslager für den Südostwallbau aufgelöst. Ende März, Anfang April 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, wurden Tausende geschwächte jüdische Häftlinge aus Lagern des Südostwallbaus, zahlreichen Zwangsarbeitslagern und KZ-Außenlagern in und um Wien in ein Zeltlager des Konzentrationslagers Mauthausen „evakuiert“ – mehrheitlich Männer, aber auch Frauen und Kinder. Im völlig überfüllten Zeltlager des KZ Mauthausen fehlte es an Nahrung, Wasser, Schutz vor Kälte und sanitären Einrichtungen. Der Überlebende Daniel Chanoch erinnerte sich später: „Wenn Mauthausen ein Inferno war, dann gibt es für dieses Zeltlager keine Definition im menschlichen Wörterbuch.“ Viele Häftlinge wurden nicht registriert, die genaue Anzahl der im Zeltlager im KZ Mauthausen internierten Personen ist deshalb nicht bekannt.
Zwischen 15. und 28. April 1945 begannen schließlich fast täglich Todesmärsche nach Gunskirchen. 17.000 bis 20.000 überwiegend jüdische KZ-Häftlinge – Männer, Frauen und Kinder – mussten den etwa 55 Kilometer langen Weg in drei Tagen zurücklegen. Bewacht wurden sie von SS, Polizei, Volkssturm, Hitlerjugend und weiteren bewaffneten Einheiten.
Die Menschen waren völlig entkräftet. Viele besaßen keine Schuhe mehr, sie schliefen im Freien und erhielten kaum Nahrung oder Wasser. Um zu überleben, aßen sie Gras, Pflanzen, Schnecken und Würmer. Wer nicht mehr weitergehen konnte oder die Kolonne verließ, wurde für gewöhnlich erschossen. Entlang der Marschrouten erinnern bis heute Massengräber und Gedenkstätten an die Opfer.
Als die Überlebenden Gunskirchen erreichten, erwarteten sie unfertige Holzbaracken ohne sanitäre Einrichtungen – das Lager im Wald war bei Weitem noch nicht fertiggestellt.
Die KZ-Häftlinge, die im April 1945 im KZ-Außenlager Gunskirchen ankamen, hatten nach Entrechtung, Verfolgung, Ghettoisierung und Deportation bereits lange Strapazen hinter sich.
In Todesmärschen oder Transporten wurden sie von unterschiedlichen Orten aus durch das damalige deutsche Reich getrieben bzw. gekarrt und nach Gunskirchen gebracht.
Mit dem Vormarsch der sowjetischen Truppen im Jahr 1944 begann das NS-Regime mit dem Bau der sogenannten Reichsschutzstellung, auch Südostwall genannt. Dieser erstreckte sich von Bratislava bis Radkersburg, in etwa entlang der heutigen österreichisch-slowakischen bzw. österreichisch-ungarischen Grenze. Errichtet wurde der Südostwall unter Zwangsarbeit, vor allem durch ungarische Jüdinnen und Juden. Auch Zivilist*innen, die kroatische Waffen-SS, der Volkssturm, die Hitlerjugend, die Sturmabteilung sowie Kriegsgefangene waren am Bau dieser Abwehrlinie durch Panzersperren und Befestigungsanlagen beteiligt.
Die militärisch weitgehend nutzlose Anlage entstand unter unmenschlichen Bedingungen. Hunger, Krankheiten, fehlende medizinische Versorgung und die brutale Behandlung durch Bewachungspersonal forderten zahlreiche Todesopfer. Darüber hinaus wurden die Bauarbeiten unter extremem Zeitdruck durchgeführt.1
Als die Rote Armee weiter vorrückte und die militärische Niederlage des NS-Regimes absehbar wurde, entschied man sich, die Zwangsarbeiter*innenlager für den Südostwallbau aufzulösen und die geschwächten jüdischen Häftlinge auf Todesmärschen durch Österreich in das KZ Mauthausen zu treiben. Am 29. März 1945 wurden sie zunächst nach Graz und von dort Anfang April 1945 in Gruppen zu je 500 bis 2.000 Personen weiter bis ins KZ Mauthausen getrieben.
Foto Todesmarsch Hieflau: Beschriftung Foto:
„Todesmarsch ungarischer Juden durch dem Ort Hieflau im Ennstal“
AMM, Fotoarchiv @ Privatsammlung Walter Dall-Asen, Hieflau 1945.
Etwa 40 Kilometer mussten die ausgehungerten und geschwächten jüdischen Häftlinge pro Tag zurücklegen – streng bewacht von SS, Volkssturmverbänden, Hitlerjugend und anderen von örtlichen Funktionären organisierten Einheiten.2 Etwa 60.000 ungarische Jüdinnen und Juden sollten laut Aussage des Kommandanten von Mauthausen, Franz Ziereis, nach Mauthausen gebracht werden. Tatsächlich kamen letztendlich nur etwa 17.000 bis 20.000 Menschen dort an.
Der Zivilbevölkerung war jede Hilfe streng verboten. Die Häftlinge ernährten sich notdürftig von Gras, Würmern oder Schnecken. Fluchtversuche oder auch nur unerlaubtes Rasten am Straßenrand wurden mit Gewalt und Tod bestraft. Über verschiedene Routen – unter anderem über den Präbichl, wo ein grausames Massaker an den Häftlingen verübt wurde, durch das Ennstal, das Steyrtal und über den Pyhrnpass – wurden die Menschen ins KZ Mauthausen getrieben, wo sie im sogenannten Zeltlager untergebracht wurden.3
Im Zeltlager des KZ Mauthausen trafen die aus den Lagern des Südostwalls kommenden Häftlinge auf Häfltinge aus zahlreichen Zwangsarbeitslagern und Außenlagern des KZ-Mauthausen, darunter aus Gusen, Melk, Wien-Floridsdorf, St. Valentin und Amstetten.
Viele der dort untergebrachten Häftlinge wurden nicht registriert. Wie viele Menschen im Zeltlager von Mauthausen tatsächlich interniert waren, lässt sich daher nicht mehr genau feststellen. Sicher ist jedoch: Die Lebensbedingungen im völlig überfüllten Lager waren katastrophal. Die KZ-Häftlinge erhielten kaum Nahrung, sanitäre Einrichtungen fehlten vollständig.4 Der Überlebende Stephan Virányi beschreibt die Zustände folgendermaßen: „Die Zelte waren höchstens für je 800 Personen errichtet, aber man pferchte mehr als 2.000 Menschen in einem Zelt zusammen. […] Wir waren schon in Bruck stark mit Läusen bedeckt, dies steigerte sich aber in Mauthausen beinahe zur Unerträglichkeit.“5
Der Überlebende Daniel Chanoch fasste seine Erinnerungen an das Zeltlager später mit folgenden Worten zusammen: „Wenn Mauthausen ein Inferno war, dann gibt es für dieses Zeltlager keine Definition im menschlichen Wörterbuch.“ Daniel Chanoch berichtete außerdem, dass von den Häftlingen teilweise menschliche Überreste zu Suppe verkocht wurden. Aufgrund der bitteren Kälte waren vor allem Decken umkämpfte Schätze, die von den Häftlingen nicht selten mit dem Leben verteidigt oder gestohlen wurden – angesichts der Kälte häufig ein Todesurteil.6
Ab Mitte April 1945 wurden Häftlinge aus dem Zeltlager Mauthausen sowie aus dem KZ Gusen in mehreren Kolonnen nach Gunskirchen getrieben. Die genauen Abläufe und Zahlen sind aufgrund der chaotischen letzten Kriegswochen nicht vollständig rekonstruierbar. Fest steht jedoch, dass zwischen 15. und 28. April 1945 mehrere Todesmärsche aus Mauthausen Richtung Gunskirchen aufbrachen. 17.000 bis 20.000 mehrheitlich jüdische KZ-Häftlinge waren gezwungen diese Strapazen auf sich nehmen.7 Der rund 55 Kilometer lange Fußmarsch nach Gunskirchen wurde in drei Tagen zurückgelegt.
Die Route der Todesmärsche führte nach Ennsdorf und weiter nach Enns, Kristein, Asten, St. Florian, Ansfelden, Weißenkirchen und Wels. Teilweise wurde die Strecke aber aufgrund der Beschwerden der Einheimischen im Gebiet bei Asten geändert und über St. Marien und Neuhofen an der Krems geführt.8
Bewacht wurden die Häftlinge von der Waffen-SS und Feuerwehrmännern, der Gendarmerie, der Wiener Polizei und dem Volkssturm. Der Umgang entsprach jenem der Wachen auf den Todesmärschen nach Mauthausen und war von maßloser Gewalt und rücksichtsloser Brutalität geprägt. Viele Häftlinge besaßen keine Schuhe mehr, übernachtet wurde im Freien auf Wiesen. Essen oder Wasser erhielten sie so gut wie nicht. Sie aßen den Raps von Feldern, Brennnesseln, Gras, Schnecken und Würmer oder auf Feldern liegende Reste von Erdäpfeln und Rüben. Wurden die KZ-Häftlinge aber von den Aufsehern dabei erwischt, wenn sie die organisierte Marschkolonne unerlaubt verließen, zögerten diese nicht, auf sie zu schießen. Die während der Todesmärsche Ermordeten wurden meist einfach zurückgelassen. In zahlreichen Gemeinden entlang der Routen befinden sich bis heute Massengräber.9
In Ennsdorf, dem ersten Ort nach der Überquerung der Donau bei Mauthausen, wurden mindestens 33 Jüdinnen und Juden ermordet. Eine von Peter Kammerstätter Anfang der 1970er-Jahre befragte Anwohnerin berichtete aber, dass es vermutlich mehr menschliche Überreste waren, die in den „Wiesen und Feldern verscharrt“ wurden. Sie erinnerte sich: „Immer wieder hörte man Schüsse krachen. Von der Mauthausener Brücke herauf sind die Toten gelegen. Sie wurden vorerst an Ort und Stelle eingescharrt und später mussten die ehemaligen Nazis sie ausgraben und sie in das Massengrab, das da auf der Wiese vom ehemaligen Bürgermeister angelegt wurde, beisetzen. Ich bin überzeugt, dass nicht alle, die damals getötet wurden, hier ihre letzte Ruhe fanden.“10
Von Ennsdorf führte der Weg über die Ennsbrücke in die Stadt Enns. Dort beobachtete ein Zeuge eine besonders grausame Tat: „So kam ich auf meinem Heimweg einmal dazu, wie gerade ein Volkssturmmann eine Jüdin, die ein kleines Kind auf ihrem Arm trug, diese niederschoss. Das Kind hatte er mit dem Gewehrkolben erschlagen. Dieser Volkssturmmann soll der Verantwortliche dieses Transports gewesen sein.“11
Zwei Massengräber wurden am Friedhof Enns-Lorch angelegt, in denen laut Bericht der Stadtgemeinde Enns an die Bezirkshauptmannschaft Linz-Land vom 17. März 1947 insgesamt 87 Personen bestattet wurden. Die Gattin des ehemaligen Totengräbers des Friedhofs Enns-Lorch berichtete: „Es lag wieder ein Berg von Leichen der KZler im Friedhof. Daneben lagen sieben oder neun Soldaten der deutschen Wehrmacht, die am Aichberg, wie man uns sagte, wegen Wehrmachtszersetzung oder wegen Fahnenflucht erschossen wurden.“12
Eine weitere Route führte von Enns über St. Florian weiter Richtung Gunskirchen. Dort mussten die Häftlinge unterhalb des ehemaligen sogenannten „Ziegelofens“ eine Nacht im Freien verbringen.
Eine Zeitzeugin erinnerte sich: „Ich weiß noch, es war ein sehr heißer Tag. Durst haben diese Menschen gelitten, so wollte mancher zum Ortsbrunnen laufen. Einigen ist es gelungen, Wasser zu bekommen.“ Eine andere Zeitzeugin berichtete, dass beim Versuch, aus dem Dorfbrunnen zu trinken, auch Häftlinge erschossen wurden.13
Weitere Einheimische berichten über die Todesmärsche wie folgt: „Es waren ja einige Züge. Es war aber nicht an einem Tag, sondern ein paar Tage, wo sie durchgetrieben wurden. Bei einer Ziegelei draußen, d.h. hinter der Ziegelei, haben sie gerastet und übernachtet. Sie haben im Freien übernachtet.“14 Auch beim Stiftstadl und am sogenannten „Rübenspitz“ übernachteten die Häftlinge. Die nicht mehr Marschfähigen wurden dort ermordet15 und im Gemeindegebiet verscharrt.
Am 19. April 1945 marschierte eine Kolonne mit etwa 5.000 Personen weiter über St. Marien und Neuhofen an der Krems Richtung Gunskirchen. In St. Marien gelang es den Bäuerinnen Emilie Krška und Maria Ruprechtsberger, einen jüdischen Häftling aufzunehmen und bis zum Kriegsende zu verstecken.16
Die Häftlinge marschierten weiter über Neuhofen und übernachteten im „Leitnerholz“ in Guglberg. Ein Denkmal erinnert heute an die mindestens 24 Leichen, die nach dem Durchmarsch der Häftlinge aufgesammelt und begraben wurden.17
Wieder eine andere Route führte von Enns über Asten, wo sich die Lokalbevölkerung dermaßen über die durchziehenden Häftlinge beschwerte, dass die Route künftig über St. Florian geführt wurde. Weiter ging es dann nach Ansfelden.18 Der damalige Leichenbestatter aus Ansfelden erzählte: „Meine Aufgabe war es [...], die da Verstorbenen aufzulesen. [...] Ich glaube, das erste Mal habe ich sechs oder sieben auf dem Handkarren zusammengebracht und sie zum Friedhof gefahren. Und das zweite Mal waren es sieben oder acht Leichen. Zusammen dürften es etwa 15 gewesen sein.“19
Von Ansfelden führte die Route nach Pucking – wo 109 Tote in Massengräbern gefunden wurden – und weiter nach Weißenkirchen, wo die zweite Nacht verbracht wurde. Dort kamen die verschiedenen Routen wieder zusammen. Mehrere hundert Tote wurden im Gemeindegebiet Weißenkirchen in Massengräbern gefunden.20
Die letzte Etappe führte über Schleißheim und Thalheim nach Wels. Die Pfarrchronik von Schleißheim berichtet von Zehntausenden Menschen, die Mitte April durch das Gemeindegebiet zogen. Sie hält fest: „Manchmal hatten sie auch in der Au übernachtet. Es waren in der Mehrzahl Juden. Wenn einer vor Erschöpfung nicht mehr weiterkonnte, so wurde er von der Wachmannschaft einfach erschossen. So wurden an einem Tag auf dem Weg von Ditach bis Forsting über 20 erschossen. Man hat sie in der Au begraben.“21 Insgesamt wurden in Schleißheim ca. 150 KZ-Häftlinge in drei Massengräbern bestattet.22
Entlang der Traun erreichten die Häftlinge schließlich über Thalheim die Stadt Wels. Nach einem mehrtägigen Todesmarsch kamen sie im April 1945 im Waldlager des KZ-Außenlagers Gunskirchen an.
FOTO: 1b. Anmarsch v. Lodovico. Beschriftung foto:
„Zeichnung des Überlebenden Ludovico Barbiano di Belgiojoso vom Todesmarsch nach Gunskirchen“
Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen
Die Häftlinge erreichten im Wald bei Gunskirchen schließlich ein sehr provisorisches Lager. Der Aufbau war in den vergangenen Monaten bereits von einem Aufbaukommando angefangen, aber zum Zeitpunkt des Eintreffens der Tausenden Häftlinge bei Weitem noch nicht fertiggestellt worden.
Es waren ca. 400 ausschließlich männliche polnische, französische, belgische und russische Häftlinge23 aus dem Stammlager Mauthausen, die ab 27. Dezember 1944 Zwangsarbeit für den Bau des Lagers leisten mussten. Sie waren in der Alten Volksschule im Ortszentrum von Gunskirchen untergebracht. Von dort wurden sie täglich ins „Hochholz“ getrieben, um das Waldlager zu errichten. Das zunächst etwa 200 Häftlinge umfassende Aufbaukommando wurde zu Beginn des Jahres 1945 auf ca. 400 KZ-Häftlinge aufgestockt. Kommandoführer war SS-Hauptscharführer Heinrich Häger, die Bauleitung oblag SS-Unterscharführer Paul Anton Kaiser.24
Als die Todesmärsche Gunskirchen erreichten, war das Lager nicht auf die Aufnahme Tausender Menschen vorbereitet. Diejenigen, die hier ankamen, waren bereits von Hunger, Gewalt und Erschöpfung gezeichnet. Viele von ihnen sollten das Lager nicht mehr verlassen.
Quellen
Quelle: Interview Edith Eva Eger
Quelle: Interview Helen Balsam
Quelle: Interview Hugo Gabriel Gryn
Quelle: Interview Jehuda Gurwich
Quelle: Interview Nicholas Halmay
Quelle: Interview Shaul Spielmann
weiter zu