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Daniel Chanoch gelesen von Katharina Stemberger

Biografie

Erzählen um zu lebenDaniel Chanoch war erst neun Jahre alt, als seine Kindheit zerstört wurde. Sie endete in dem Moment, als die Nationalsozialisten 1941 in seiner Heimat Kaunas (Litauen) einmarschierten. Er und seine Familie wurden aus ihrem Zuhause vertrieben und ins Ghetto Kaunas deportiert. Im Juli 1944 wurde dieses aufgelöst, und die Häftlinge wurden in andere Konzentrationslager weitertransportiert.

Erzählen um zu leben

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Über das KZ Stutthof kamen sie in ein Außenlager des KZ Dachau.

Daniel ChanochMit 130 weiteren Kindern im Alter von 11 bis 15 Jahren wurde Dani von der SS selektiert und über das KZ Dachau weiter in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überstellt. Als Auschwitz geräumt wurde, schickte die SS die KZ-Häftlinge auf die berüchtigten Todesmärsche und dann weiter in andere KZ.

Daniel Chanoch

Daniel Chanoch

Daniel und die überlebenden Kinder der Gruppe kamen ins KZ Mauthausen.

Das Konzentrationslager Mauthausen

4:59

Die nächste Station war das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich, das sich oberhalb des Ortes auf einer Anhöhe befand. Mit letzter Kraft stiegen die Kinder den Berg hinauf. Sie waren wieder zusammen, aber um sie herum waren viele Menschen. Auf der Anhöhe befand sich eine „Festung“, die 1938 nach dem sogenannten Anschluss1 von Häftlingen aus dem KZ Dachau erbaut worden war. Das Konzentrationslager Mauthausen wandelte sich in den nächsten Jahren zu einem der gefürchtetsten Lager im gesamten KZ-System – es war das einzige KZ der Stufe III, der härtesten Kategorie.

Alle wurden angewiesen, sich auf dem Appellplatz in der Mitte des Konzentrationslagers zu versammeln. Lange Zeit mussten sie in der extremen Kälte stehen. Später wurden sie dazu aufgefordert, etwas Suppenartiges zu essen, und in das „untere Lager“ am Fuße der „Festung“ auf grünen Feldern geführt2. Dort wurden die Kinder verschiedenen Baracken zugeteilt. Sie waren unterkühlt, erschöpft von der Fahrt in windgepeitschten Waggons und stundenlangem Appellstehen im „oberen Lager“. Erneut setzten sie ihre Gruppenmethode zur Aufrechterhaltung der Körperwärme ein. Als Kreis formiert, erwärmten sich die im Mittelpunkt liegenden Kinder und wechselten sich nach einer Weile mit denen im äußeren Kreis ab. Diese Methode war sehr effektiv und ist ein Beispiel für den Zusammenhalt der Gruppe. Man kann mit Sicherheit sagen, dass sie sonst nicht überlebt hätten. Jeden Abend, vor dem Betreten der Baracke, fand ein Abendappell statt, bei dem die Leichen derjenigen, die erfroren waren, in die Zählung aufgenommen wurden.

Tagsüber gab es keine Beschäftigung, es gab nur Appelle und noch mehr Appelle, die in der Kälte und im Regen stattfanden. Einmal am Tag bekamen sie eine schlammige Suppe und ein Stück Brot, das größtenteils aus Sägemehl bestand. In der Baracke lagen alle Gefangenen wie Sardinen in einer Dose auf dem Boden. Fuß – Kopf – Fuß – Kopf. Nachts ging der Kapo mit Stöcken herum und schlug jeden, der aus der Reihe geraten war. In dieser Situation war es unmöglich, nachts auf die Toilette zu gehen.

1 Annexion Österreichs an Deutschland 1938

2 Das hier so bezeichnete „untere Lager“ war das sogenannte Sanitätslager oder Russenlager im KZ Mauthausen. Vor allem zu diesem Zeitpunkt war es ein völlig überfülltes Todeslager für nicht arbeitsfähige Häftlinge, die dort mehr oder weniger sich selbst überlassen wurden und täglich zu Hunderten starben. Das Sanitätslager war von einem doppelten Stacheldrahtverhau umgeben, der aber im Gegensatz zum „oberen Lager“ nicht elektrisch geladen war.

Dieses Lager war eines der schlimmsten, das Danny durchmachen musste. Rund um das Lager wurden Wachhunde in Hundehütten gehalten, und wer versuchte zu fliehen, wurde von den Hunden angegriffen und in Stücke gerissen. Jahre später wurde Danny vom British Scotland Yard gebeten, den hässlichen Mann zu identifizieren, der für die Hundehütten verantwortlich gewesen war. Der Mann bestritt jegliche Beteiligung, und Danny hat nie erfahren, was mit ihm passiert ist.

Von dieser Zeit an blieb ihm der Missbrauch von Kindern durch Kapos oder andere Häftlingsfunktionäre im Gedächtnis. Diese Dinge passierten versteckt. Es gab Kinder, die nachts verschwanden. Diese Kinder hatten Zugang zu den Kapos und konnten daher ihren Freunden helfen, (kleine) Vorteile zu erzielen und ihr Leiden zu lindern. Unter den Kindern herrschte Schweigen zu diesem Thema. Eine Art Tabu, kein Reden und kein Fragen. Aufgrund ihres jungen Alters verstanden die Kinder auch nicht immer, was geschah. Wenn diese Kinder am Morgen in die Baracke zurückkehrten und mit ihren Freunden den Tag verbrachten, herrschte jedoch das Gefühl, dass etwas passiert war, das die Kinder verletzt hatte.

Bei all dem Schmerz und der Verlegenheit sah Danny auch in dieser Angelegenheit das Gruppenverhalten, indem die Einzelnen ihren Freunden so viel wie möglich „halfen“. Die Identifikation mit der Gruppe und die gegenseitige Verantwortung, die sich in dieser Angelegenheit – wie auch in anderen Dingen – äußerten, sind bis heute erhalten geblieben. Selbst nach über sieben Jahrzehnten ist das Thema unter den Männern der Gruppe, die sich um ihre Mitglieder kümmerten und sie pflegten, nie laut angesprochen, erzählt oder diskutiert worden.

Das Zeltlager des KZ Mauthausen

2:34

Ungefähr zwei Monate lang befanden sich die Kinder in dieser Hölle. Der nächste Ort war ein nahe gelegenes Lager, eines von vielen in dem großen Komplex von Mauthausen, genannt Zeltlager, in das die Kinder wahrscheinlich aus Gründen der Überfüllung des Hauptlagers verlegt wurden. Wenn Mauthausen ein Inferno war, dann gab es für dieses Zeltlager keine Definition im menschlichen Wörterbuch. Große Zelte, die sehr viele Häftlinge aufnehmen sollten. Der Boden war nicht dafür vorbereitet, so viele Menschen aufzunehmen. Regen, Schlamm und Schnee taten ihr Übriges. Es gab nicht die mindesten Voraussetzungen für eine menschliche Besiedlung. Keine Toiletten und keine Wasserhähne. Unordnung und Chaos herrschten vor Ort.

Während dieser Zeit war das Lager einem alliierten Bombenangriff ausgesetzt, die meisten davon waren britische „Mosquito-Bomber“, eine Tatsache, die Danny nach dem Krieg von britischen Piloten erfuhr. Die Bombardierung richtete sich gegen die Wachtürme des Lagers. Überall waren Leichen und menschliche Knochen verstreut, und zwar auf dem Boden und auf den Zäunen. Das war der Anblick, das war die Realität. In diesem Lager gab es auch Gefangene, die Gerüchten zufolge menschliche Teile einsammelten und Suppe aus ihnen kochten. Die Kinder von Kaunas ließen sich vom Gehörten abschrecken und rührten trotz des schrecklichen Hungers und der Eiseskälte den Eintopf nicht an. Obwohl sie unterernährt, schwach, kleiner an Körpergröße und jünger an Alter als die anderen Häftlinge waren, wagten es die Kinder der Gruppe, die Töpfe umzukippen.

Auf diese Weise machten sie sich Feinde, die sich ihnen entgegenstellten und versuchten, ihnen die wenigen Decken zu rauben, die sie besaßen. Ein Raub, der das Todesurteil bedeutete. Doch die Kinder, die bereits Erfahrung im Kampf ums Überleben gesammelt hatten, entwickelten als Gruppe listige Methoden, um mit den Stärksten umzugehen – und waren erfolgreich. Eines Nachts, als Danny und Shloima zusammen mit einer abgenutzten Decke zugedeckt waren, kam einer der älteren Gefangenen und schnappte ihnen die Decke weg. Danny rannte ihm nach, Shloima rief den Rest der Gruppe, und alle jagten gemeinsam dem Mann nach, bis er die Decke wegwarf und um sein Leben lief.

Der Weg nach Gunskirchen

1:19

Ende April 1945, als es so schien, als könnte es nicht schlimmer werden, erhielten die Kinder den Befehl, einen neuen Marsch nach Westen zu unternehmen. Das Ziel war wie üblich unbekannt. Es ging an Städten und Dörfern vorbei, typisch österreichische, bergige, grüne, idyllische Landschaft. Die Kälte war immer noch schrecklich, es gab kein Essen, es regnete, und doch bewachten die Deutschen ihren „menschlichen Schatz“. Die Kindergruppe wurde von weiblichen SS-Wachen im Alter von etwa 16 Jahren begleitet. Diese Mädchen hatten in einer Hand ein Brötchen oder einen Apfel und in der anderen eine Waffe, um jeden zu erschießen, der zu fliehen versuchte. Danny erinnert sich, dass ihnen nicht nur kein Essen gegeben wurde, sondern dass jemand, der versuchte zu fliehen, von örtlichen Bauern mit Heugabeln erstochen wurde. Einige Tage später erreichte die Gruppe einen neuen Ort – das Konzentrationslager in Gunskirchen, das zum Mauthausen-Lagersystem gehörte. Um alle Zwangsarbeiter und Häftlinge unterzubringen, deren Zahl stetig zunahm, wurden in ganz Österreich Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager errichtet.

Gunskirchen

1:24

Gunskirchen, der größte Schrecken von allen, war eines von ihnen. Das Lager befand sich im Herzen eines Waldes mit einer kleinen Anzahl von Baracken und Tausenden von Gefangenen. Die Baracken waren so überfüllt, dass kein Platz darin war, um sich hinzulegen. Es war unmöglich, in diesem Lager zu leben. Die Kinder kletterten auf die Sparren unter dem Dach und ließen sich wegen der Kälte dort nieder. Das Essen, das an die Menschen im Lager verteilt wurde, war Suppe, die Danny als „süß“ beschreibt. Dies erklärte er sich damit, dass die Suppe vergiftet war und den Betrieb der Mordmaschinerie fortsetzen sollte. Tausende Gefangene starben an diesem verdammten Ort, ihre Seelen verließen das Lager, und ihre Körper wurden gestapelt, ohne dass sich jemand die Mühe gemacht hätte, sie wegzutransportieren. Der Gestank des Todes lag in der Luft. Zur gleichen Zeit forderte der Krieg seinen Tribut. Es waren die letzten Tage. Es gab einen Kampf, wer es schaffen würde, zu überleben und die Ziellinie zu erreichen.

Danny erkrankte an Typhus. Er weiß nicht genau, wann dies passierte. Wie immer ignorierte er die Krankheit und suchte keine Hilfe. Seine Haare fielen aus, und er war geschwächt, blieb aber aktiv.

Die Befreiung

1:30

In der ersten Maiwoche 1945 (am 5.5.1945) stellten die Kinder fest, dass die deutschen Wachen ihre Wachposten verlassen und ihre Uniformen gegen Zivilkleidung ausgetauscht hatten. Es war das erste Anzeichen dafür, dass der Krieg vorbei war. Unmittelbar danach erschien eine Panzereinheit des 761. US-Panzerbataillons. Soldaten saßen auf den Panzern. Es waren die „Black Panthers“ der amerikanischen dritten Armee unter General Patton. Außerdem kam eine Jeep-Einheit der 71. Infanteriedivision der US-Armee in das Lager. Ringsum waren noch Schüsse zu hören. Ein unbeschreiblicher Gestank von den überall verstreuten Totenhaufen lag noch in der Luft. Später stellte sich heraus, dass von 20.000 Menschen, die hierher gebracht worden waren, nur 5.000 überlebten. Am 8. Mai 1945, drei Tage nach der Befreiung des Lagers Gunskirchen, kapitulierte Nazi-Deutschland.

Von den 131 Kindern, die den Todesmarsch aus dem Ghetto Kaunas angetreten hatten, beendeten 27 Kinder nun diese lange Reise ihres Lebens – eine Reise, die letztendlich zu ihrem Überleben geführt hatte.


Gedicht Ruth Klüger – Verlorene Tage

2:41

Verlorene Tage

In der fernen Vergangenheit waren dies Momente, die vergingen, bevor sie kamen, und ihre Bedeutung war nicht verständlich.

Im Laufe der Jahre gab es grausame Stunden und Tage, eine grausame Erosion im Leben. Fachleute geben dem eine Vielzahl von Etiketten.

Scheinbar wissen sie, was gut für diejenigen ist, die das Leben im Schatten des Todes erlebt haben.

Oft werden Bibliografien herausgegeben, nationale und internationale Konferenzen abgehalten, in denen nach „erster Generation“, „zweiter Generation“ und „überlebenden Kindern“ sortiert wird.

Währenddessen geht der Sand in der Uhr zur Neige, und die Zahl der Überlebenden nimmt ab. Finanzbeamte und alle, die an der als Blutgeld verachteten Geldentschädigung beteiligt sind,

sie atmen durch, wenn ein Überlebender vom „Großen Erlöser“ zu sich gerufen wird. Und die Akte fällt zum Zerreißen in ein Archiv.

Aber was machen sie mit den verlorenen Tagen, die sich aufhäufen? Am frühen Morgen in der mediterranen Sonne,

mit den Gerüchen des Frühlings und dem Lied der Vögel,

wenn die meisten Sterblichen mit einer Mandolinenmelodie im Herzen erwachen, kommt ein ungebetener Gast zu ihnen: der Vertreter des verlorenen Tages.

Birkenaus Rauchwolken bedecken die Sonne,

und der Geruch des Todes hält die Düfte des Frühlings fern.

SS-Schreie bringen ihre Opfer in die Todeskammern und ersetzen die zwitschernden Vögel.

Für alle Experten und alle, die scheinbar Hilfe anbieten:

Hören Sie auf, stören Sie nicht, reduzieren Sie Ihre Beteiligung. Nichts von Ihren Stichen und nichts von Ihrem Honig.

Wir sind ein Teil der Gesellschaft, deren Leiden nicht verschwunden ist. Auch nicht für einen Tag. Lasst uns unseren Besuch auf diesem Planeten beenden!

Kränze legen und Fackeln anzünden beleben nichts wieder, noch nicht einmal einen einzelnen verlorenen Tag.


Daniel Chanoch wurde am 5.5.1945 im Außenlager Gunskirchen befreit.

Er hat sechs Konzentrationslager überlebt.

Verlorene Tage

In der fernen Vergangenheit waren dies Momente, die vergingen, bevor sie kamen, und ihre Bedeutung war nicht verständlich.
Im Laufe der Jahre gab es grausame Stunden und Tage, eine grausame Erosion im Leben. Fachleute geben dem eine Vielzahl von Etiketten.
Scheinbar wissen sie, was gut für diejenigen ist, die das Leben im Schatten des Todes erlebt haben.
Oft werden Bibliografien herausgegeben, nationale und internationale Konferenzen abgehalten, in denen nach „erster Generation“, „zweiter Generation“ und „überlebenden Kindern“ sortiert wird.
Währenddessen geht der Sand in der Uhr zur Neige, und die Zahl der Überlebenden nimmt ab. Finanzbeamte und alle, die an der als Blutgeld verachteten Geldentschädigung beteiligt sind,
sie atmen durch, wenn ein Überlebender vom „Großen Erlöser“ zu sich gerufen wird. Und die Akte fällt zum Zerreißen in ein Archiv.
Aber was machen sie mit den verlorenen Tagen, die sich aufhäufen? Am frühen Morgen in der mediterranen Sonne,
mit den Gerüchen des Frühlings und dem Lied der Vögel,
wenn die meisten Sterblichen mit einer Mandolinenmelodie im Herzen erwachen, kommt ein ungebetener Gast zu ihnen: der Vertreter des verlorenen Tages.
Birkenaus Rauchwolken bedecken die Sonne,
und der Geruch des Todes hält die Düfte des Frühlings fern.

SS-Schreie bringen ihre Opfer in die Todeskammern und ersetzen die zwitschernden Vögel.
Für alle Experten und alle, die scheinbar Hilfe anbieten:
Hören Sie auf, stören Sie nicht, reduzieren Sie Ihre Beteiligung. Nichts von Ihren Stichen und nichts von Ihrem Honig.
Wir sind ein Teil der Gesellschaft, deren Leiden nicht verschwunden ist. Auch nicht für einen Tag. Lasst uns unseren Besuch auf diesem Planeten beenden!
Kränze legen und Fackeln anzünden beleben nichts wieder, noch nicht einmal einen einzelnen verlorenen Tag.

Auszug aus Daniel Chanoch: „Erzählen um zu leben.“ Israel: Carmel Publishing House 2021.