Edith Eger gelesen von Adele Neuhauser
Todesmarsch nach Gunskirchen
Dies ist der Todesmarsch von Mauthausen nach Gunskirchen. Es ist die bisher kürzeste Distanz, die wir gezwungen wurden zu marschieren, aber wir sind inzwischen so geschwächt, dass von den zweitausend von uns nur hundert überleben werden. Magda [die Schwester von Edith Eger] und ich klammern uns aneinander, entschlossen zusammenzubleiben, uns aufrecht zu halten. Stunde um Stunde fallen Hunderte Mädchen in die Gräben beiderseits der Straße. Zu schwach oder zu krank, um weiterzulaufen, werden sie auf der Stelle ermordet. Wir sind wie der Samenstand eines Löwenzahns, an dem der Wind zupft und an dem nur noch ein paar weiße Büschelchen hängen. Hunger ist mein einziger Name.
Jeder Teil von mir schmerzt; jeder Teil von mir ist taub. Ich kann keinen Schritt weiter. Ich habe solche Schmerzen, dass ich nicht spüre, wie ich mich bewege. Ich bin nur noch ein Schmerzkreislauf, ein Signal, das sich ständig rückkoppelt. Ich weiß erst, dass ich gestolpert bin, als ich Magdas Arme und die der anderen Mädchen spüre, die mich aufheben. Sie haben ihre Finger ineinander verhakt, formen einen menschlichen Sitz.
„Du hast uns von deinem Brot abgegeben“, sagt eine von ihnen.
Mit diesen Worten kann ich nichts anfangen. Wann habe ich jemals Brot geschmeckt? Aber dann steigt eine Erinnerung auf. Unsere erste Nacht in Auschwitz. Mengele, der den Musikern befahl zu spielen, Mengele, der mir befahl zu tanzen. Dieser Körper tanzte. Dieser Kopf träumte von der Budapester Oper. Dieser Körper aß das Brot. Ich bin diejenige, die in jener Nacht den Gedanken hatte und die ihn jetzt abermals denkt: Mengele hat meine Mutter getötet, Mengele hat mich leben lassen. Und jetzt hat ein Mädchen mich wiedererkannt, welches vor fast einem Jahr einen Kanten Brot mit mir geteilt hatte. Sie bietet ihre letzte Kraft auf, um ihre Finger mit Magdas Fingern und denen der anderen Mädchen zu verhaken und mich hochzuheben. In gewisser Weise hat Mengele diesen Moment geschehen lassen. Er hat keine von uns in jener Nacht oder in irgendeiner Nacht danach getötet. Er gab uns Brot.
Eine noch schlimmer Hölle
Es gibt immer eine noch schlimmere Hölle. Das ist unsere Belohnung dafür, dass wir leben. Als wir zu marschieren aufhören, sind wir im Lager Gunskirchen. Es ist ein Außenlager von Mauthausen, ein paar Holzgebäude in einem sumpfigen Wald in der Nähe eines Dorfes. Ein für ein paar hundert Zwangsarbeiter erbautes Lager, in dem jetzt achttausend Menschen zusammengepfercht sind. Es ist kein Vernichtungslager. Hier gibt es keine Gaskammern, keine Krematorien. Aber es besteht kein Zweifel, dass wir zum Sterben hierhergeschickt worden sind.
Es ist bereits schwierig zu unterscheiden, wer lebt und wer tot ist. Krankheiten gelangen in und unter unsere Körper. Typhus. Ruhr. Kopfläuse. Offene Wunden. Fleisch an Fleisch. Lebend und verwesend. Eine halb abgenagte Pferdekarkasse. Roh essen. Wer braucht schon ein Messer, um das Fleisch abzuschneiden? Einfach vom Knochen abnagen. Man schläft zu dritt übereinander auf den überfüllten Holzgestellen oder auf dem nackten Fußboden. Wenn jemand unter dir stirbt, schlaf weiter. Keine Kraft, die Toten wegzuschaffen. Da ist ein Mädchen, vor Hunger umgekippt. Da ist ein Fuß, schwarz, vollkommen verwest. Wir wurden in dem feuchten, dichten Wald zusammengetrieben, wo wir alle in einem Flammeninferno getötet, verbrannt werden sollen. Das ganze Gebiet ist mit Dynamit vermint. Wir warten auf die Explosion, die uns in ihren Flammen vernichten wird. Bis zu dem großen Knall gibt es andere Bedrohungen: Hungertod, Fieber, Krankheit. Es gibt für das ganze Lager nur eine einzige Zwanzig-Loch-Latrine. Wenn du nicht warten kannst, bis du an der Reihe bist, um dich zu erleichtern, erschießen sie dich genau dort, wo deine Ausscheidungen eine Pfütze bilden. Überall glost verbrannter Müll. Der Boden ist ein schlammiger Pfuhl, und wenn du keine Kraft hast zu laufen, rutschen deine Füße in einem Brei, der zum Teil Schlamm, zum Teil Scheiße ist. Es ist fünf oder sechs Monate her, seit wir Auschwitz verlassen haben.
Magda flirtet. Das ist ihre Antwort auf den Tod, der anklopft. Sie lernt einen Franzosen kennen, einen Jungen aus Paris, der vor dem Krieg in der Rue Soundso gewohnt hat, eine Adresse, von der ich mir vornehme, sie nie zu vergessen. Selbst in den Abgründen dieses Grauens zirkuliert Chemie von Mensch zu Mensch, lässt Herzen pochen, Seelen strahlen. Ich beobachte sie, wie sie miteinander reden, als säßen sie in einem Gartencafé und zwischen ihnen klapperten kleine Teller. Das ist es, was die Lebenden tun. Wir setzen unseren von Gott gegebenen Pulsschlag als Zunder gegen die Angst ein. Mach deinen Geist nicht kaputt. Lass ihn wie eine Fackel lodern. Sag dem Franzosen, wie du heißt, und steck seine Adresse ein, genieße sie, kaue sie langsam wie Brot.
In nur wenigen Tagen werde ich in Gunskirchen zu einem Menschen, der nicht laufen kann. Obwohl ich es noch nicht weiß, habe ich einen gebrochenen Rücken (nicht einmal heute weiß ich, wann oder wie die Verletzung entstanden ist). Ich spüre nur, dass meine Reserven jetzt aufgebraucht sind. Ich liege draußen in der schweren Luft, mein Körper ist mit fremden Körpern verflochten, wir liegen alle auf einem Haufen, manche sind tot, manche schon lange, manche gerade noch so am Leben, wie ich. Ich sehe Dinge, obwohl ich weiß, dass sie nicht real sind. Ich sehe sie, vermischt mit Dingen, die real sind, es aber nicht sein sollten. Meine Mutter liest mir vor. Scarlett ruft: „Ich habe etwas geliebt, das es nicht wirklich gibt.“ Mein Vater wirft mir ein Petit Four zu. Klara beginnt, das Violinkonzert von Mendelssohn zu spielen. Sie spielt am Fenster, damit jemand, der unten vorbeigeht, es hört und zu ihr hinaufschaut, damit sie ihm zuwinken, seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann, nach der sie sich sehnt und die sie nicht offen einfordern kann. Das ist es, was die Lebenden machen. Wir bringen Saiten mit unseren Bedürfnissen zum Schwingen.
Fälle von Kannibalismus
Hier in der Hölle schaue ich einem Mann zu, der Menschenfleisch isst. Könnte ich das tun? Könnte ich, um zu überleben, den Mund um die Haut schließen, die noch an den Knochen eines Toten hängt, und sie essen? Ich habe mit unverzeihlicher Grausamkeit geschändetes Fleisch gesehen. Einen an einen Baum gebundenen Jungen, dem die SS-Leute in den Fuß, in die Hand, in die Arme schossen, ihm ein Ohr abschossen. Ein unschuldiges Kind als Übungsschießscheibe. Oder die schwangere Frau, die es irgendwie nach Auschwitz geschafft hatte, ohne sofort ermordet zu werden. Als die Wehen einsetzten, band die SS ihr die Beine zusammen. Ihre Qualen waren das Schlimmste, was ich je gesehen habe. Aber wenn ich einem fast verhungerten Mann zusehe, wie er das Fleisch eines Toten isst, würgt es mich, und mir wird schwarz vor Augen. Ich kann es nicht. Und trotzdem muss ich essen. Ich muss essen, sonst sterbe ich. Aus dem zertrampelten Schlamm wächst Gras heraus. Ich starre die Halme an. Ich sehe ihre unterschiedlichen Längen und ihr Farbenspiel. Ich werde Gras essen. Ich werde diesen Grashalm jenem anderen vorziehen. Ich werde meinen Kopf mit dieser Auswahl beschäftigen. Das ist es, was aussuchen bedeutet. Die meiste Zeit schlafen wir. Es gibt nichts zu trinken. Ich verliere jegliches Zeitgefühl. Ich schlafe oft. Selbst wenn ich wach bin, muss ich darum kämpfen, bei Bewusstsein zu bleiben.
Einmal sehe ich Magda, die mit einer Dose in der Hand auf mich zukriecht, einer Dose, die in der Sonne glitzert. Eine Dose Sardinen. Dem Roten Kreuz wurde als neutraler Organisation gestattet, den Häftlingen Hilfe zukommen zu lassen, und Magda war in eine Schlange geschlüpft und bekam eine Dose Sardinen. Aber es gibt keine Möglichkeit, sie zu öffnen. Es ist einfach nur eine neue Form von Grausamkeit. Selbst eine gute Absicht, eine gute Tat, verkommt zu Sinnlosigkeit. Meine Schwester stirbt langsam den Hungertod; meine Schwester hält Essen in der Hand. Sie umklammert die Dose genauso wie einst ihre Haare, versucht, sich daran festzuhalten. Eine nicht zu öffnende Fischdose ist jetzt das Menschlichste an ihr. Wir sind die Toten und die fast Toten. Ich kann nicht sagen, wer davon ich bin.
Die Befreiung
An den Rändern meines Bewusstseins fühle ich, dass der Tag mit der Nacht Platz tauscht. Wenn ich die Augen öffne, weiß ich nicht, ob ich geschlafen habe oder ohnmächtig war und wie lange. Ich bin nicht in der Lage zu fragen. Wie lange? Manchmal spüre ich, dass ich atme. Manchmal versuche ich, den Kopf zu bewegen und nach Magda Ausschau zu halten. Manchmal fällt mir ihr Name nicht ein.
Rufe reißen mich aus einem todesähnlichen Schlaf. Die Rufe müssen die Todesboten sein. Ich warte auf die versprochene Explosion, auf die versprochene Hitze. Ich halte die Augen geschlossen und warte darauf, zu brennen. Aber es gibt keine Explosion. Es gibt keine Flamme. Ich öffne die Augen und sehe, wie Jeeps langsam durch den Kiefernwald hereinrollen, der das Lager von der Straße her und vom Himmel abschirmt. „Die Amerikaner sind gekommen! Die Amerikaner sind da!“ Das ist es, was die Kraftlosen rufen. Die Jeeps sehen wellig und verschwommen aus, als beobachtete ich sie durch Wasser oder in glühender Hitze. Ist das vielleicht eine kollektive Halluzination? Jemand singt „When the Saints Go Marching In“. Mehr als siebzig Jahre lang sind mir diese sensorischen Eindrücke unauslöschlich erhalten geblieben. Aber als sie geschehen, kann ich mir keinen Reim darauf machen. Ich sehe Männer in Feldjacken. Ich sehe Flaggen mit den Stars and Stripes – amerikanische Flaggen. Ich sehe Flaggen, geschmückt mit der Nummer 71. Ich sehe einen Amerikaner, der Zigaretten an Häftlinge verteilt, die so hungrig sind, dass sie sie mitsamt dem Papier und allem essen. Ich beobachte aus einem Wirrwarr von Körpern heraus. Ich kann nicht sagen, welche Beine meine Beine sind. „Gibt es hier noch Lebende?“, rufen die Amerikaner auf Deutsch. „Heben Sie die Hand, wenn Sie am Leben sind.“ Ich versuche, meine Finger zu bewegen, um zu zeigen, dass ich lebe. Ein Soldat kommt so nahe an mich heran, dass ich die Schlammspritzer auf seiner Hose sehen kann. Ich rieche seinen Schweiß. Hier bin ich, will ich rufen. Ich bin hier. Ich habe keine Stimme. Er wandert zwischen den Körpern herum. Seine Augen streifen mich, ohne mich wahrzunehmen. Er hält sich ein Stück schmutzigen Stoff vors Gesicht. „Heben Sie die Hand, wenn Sie mich hören“, sagt er. Auch beim Sprechen nimmt er kaum den Stoff vom Mund. Ich strenge mich an, meine Finger zu finden. Hier kommt ihr niemals lebend heraus, haben sie gesagt: die Kapo, die mir meine Ohrringe aus den Ohren gerissen hat, der SS-Wachmann mit der Tätowierungspistole, der die Tinte nicht verschwenden wollte, die Vorarbeiterin in der Spinnerei, die SS, die uns auf dem langen, langen Marsch niedergeschossen hat. Das ist ihre Vorstellung davon, im Recht zu sein.
Der Soldat ruft etwas auf Englisch. Jemand außerhalb meines Blickfeldes ruft zurück. Sie gehen.
Und dann explodiert ein Lichtfleck auf der Erde. Das ist das Feuer. Also doch. Ich bin überrascht, dass es kein Geräusch macht. Die Soldaten kehren um. Mein tauber Körper ist plötzlich von Hitze überflutet – von Flammen, glaube ich, oder von Fieber. Aber nein. Es gibt kein Feuer. Der Lichtschimmer ist ganz und gar kein Feuer. Es ist die Sonne, die auf Magdas Sardinendose reflektiert! Ob absichtlich oder nicht, hat sie die Aufmerksamkeit der Soldaten mit einer Fischdose auf sich gelenkt. Sie kommen zurück. Wir haben noch eine Chance. Wenn ich in meinem Kopf tanzen kann, kann ich meinen Körper sichtbar machen. Ich schließe die Augen und konzentriere mich, hebe die Hände wie eine imaginäre Arabeske über den Kopf. Ich höre die Soldaten wieder rufen, einer zum anderen. Einer ist ganz nah bei mir. Ich halte die Augen fest geschlossen und tanze weiter. Ich stelle mir vor, dass ich mit ihm tanze. Dass er mich über den Kopf hebt wie Romeo in der Baracke mit Mengele. Dass es Liebe gibt und dass sie aus dem Krieg entspringt. Dass es Tod gibt und immer, immer auch sein Gegenteil.
Und jetzt kann ich meine Hand spüren. Ich weiß, dass es meine Hand ist, weil der Soldat sie berührt. Ich öffne die Augen. Ich sehe, dass seine breite, dunkle Hand meine Finger umschließt. Er drückt mir etwas in die Hand. Perlen. Farbige Perlen. Rot, braun, grün, gelb.
„Essen“, sagt der Soldat. Er sieht mir in die Augen. Seine Haut ist so dunkel, wie ich sie noch nie gesehen habe, seine Lippen dick, seine Augen tiefbraun. Er hilft mir, die Hand zum Mund zu führen. Er hilft mir, die Perlen auf meine trockene Zunge fallen zu lassen. Speichel sammelt sich, und ich schmecke Süßes. Ich schmecke Schokolade. Ich erinnere mich an den Namen dieses Geschmacks. Man soll immer etwas Süßes in der Tasche haben, sagte mein Vater. Und das hier ist süß.
Aber Magda? Wurde sie auch entdeckt? Ich habe noch keine Worte, und auch keine Stimme. Ich kann nicht Danke stammeln. Ich kann die Silben des Namens meiner Schwester nicht formulieren. Ich schaffe es kaum, die kleinen Bonbons zu schlucken, die der Soldat mir gegeben hat. Ich kann kaum an etwas anderes denken als an das Verlangen nach noch mehr Nahrung. Oder nach einem Schluck Wasser. Seine Aufmerksamkeit ist nun darauf gerichtet, mich aus dem Berg von Leichen herauszuholen. Er muss die Toten von mir wegziehen. Sie sind schlaff im Gesicht, schlaff in den Gliedmaßen. Auch wenn sie nur noch Skelette sind, sind sie schwer, und er ächzt und keucht, wenn er sie anhebt. Schweiß läuft ihm übers Gesicht. Der Gestank verursacht einen Hustenreiz. Er drückt wieder das Stück Stoff auf seinen Mund. Wer weiß, wie lange die Toten schon tot sind? Vielleicht trennen sie nur ein, zwei Atemzüge von mir. Ich weiß nicht, wie ich meine Dankbarkeit in Worte fassen soll. Aber ich spüre, wie sie über meine Haut kribbelt.
Jetzt hebt er mich auf und legt mich in geringem Abstand zu den Leichen auf den Rücken. Ich sehe stellenweise Himmel zwischen den Baumwipfeln. Ich spüre die feuchte Luft auf meinem Gesicht, die Feuchtigkeit des schlammigen Grases unter mir. Ich lasse meinen Kopf in Sinneseindrücken schwelgen. Ich stelle mir das lange, aufgedrehte Haar meiner Mutter vor, den Zylinder und den Schnurrbart meines Vaters. Alles, was ich fühle und jemals gefühlt habe, kommt von ihnen, von ihrer Vereinigung, die mich gemacht hat. Sie wiegten mich in ihren Armen. Sie machten mich zu einem Kind der Erde. Ich erinnere mich an Magdas Geschichte von meiner Geburt: „Du hast mir geholfen“, rief meine Mutter ihrer Mutter zu. „Du hast mir geholfen.“ Und jetzt ist Magda neben mir im Gras. Sie hält ihre Dose Sardinen fest umklammert. Wir haben die allerletzte Selektion überlebt. Wir leben. Wir sind zusammen. Wir sind frei.
Die Tage und Wochen nach der Befreiung
Wenn ich es mir erlaubt hatte, mir einen Augenblick wie diesen vorzustellen – das Ende meiner Gefangenschaft, das Ende des Krieges –, hatte ich mir vorgestellt, wie Glücksgefühle in meiner Brust erblühten. Ich hatte mir vorgestellt, aus voller Kehle zu schreien: „ICH BIN FREI! ICH BIN FREI!“ Aber jetzt habe ich keine Stimme. Wir sind ein stiller Fluss, ein Strom von Befreiten, der vom Gunskirchner Friedhof in die nächste Stadt hineinfließt. Ich werde auf einem eilig zusammengeschusterten Karren gefahren. Die Räder quietschen. Ich kann mich kaum wach halten. In dieser Freiheit gibt es keine Freude oder Erleichterung. Es ist ein langsamer Weg aus einem Wald heraus. Es ist ein benommenes Gesicht. Es ist, gerade eben am Leben zu sein und wieder einzuschlafen. Es ist die Gefahr, die Nahrung hinunterzuschlingen. Die Gefahr von falscher Ernährung. Freiheit ist Wunden, Läuse und Typhus, eingefallene Bäuche und teilnahmslose Augen.
Ich registriere, dass Magda neben mir geht. Registriere Schmerzen im ganzen Körper, wenn der Karren ruckelt. Über ein Jahr lang hatte ich nicht den Luxus gehabt, darüber nachzudenken, was wehtut und was nicht. Ich habe nur daran denken können, wie ich mit den anderen mithalten, einen Schritt voraus sein kann, wie ich ein bisschen Essen ergattern, schnell genug laufen, nie stehen bleiben, am Leben bleiben kann und nicht zurückgelassen werde. Jetzt, da die Gefahr vorüber ist, verwandeln die Schmerzen in mir und das Leid um mich herum mein Bewusstsein in Halluzination. Ein Stummfilm. Marschierende Skelette. Die meisten von uns sind physisch zu kaputt, um laufen zu können. Wir liegen auf Karren, wir stützen uns auf Stöcke. Unsere Kittel sind schmutzig und zerfleddert, so zerrissen und zerschlissen, dass sie unsere Haut kaum noch zu bedecken vermögen. Unsere Haut bedeckt kaum noch unsere Knochen. Wir sind eine Anatomiestunde. Ellbogen, Knie, Fußknöchel, Wangen, Fingerknöchel, Rippen stechen wie Fragen hervor. Was sind wir jetzt? Unsere Knochen sehen obszön aus, unsere Augen sind Kavernen, hohl, dunkel, leer. Hohle Gesichter. BIauschwarze Fingernägel. Wir sind wandernde Traumata. Wir sind eine langsame Prozession von Zombies. Beim Gehen schwanken wir, unsere Karren rollen über gepflasterte Straßen. Kolonne um Kolonne bevölkern wir den Platz in Wels, Österreich. Stadtmenschen starren aus Fenstern zu uns herunter. Wir sind furchterregend. Niemand spricht. Wir ersticken den Platz mit unserer Stille. Stadtmenschen laufen in ihre Häuser. Kinder halten sich die Augen zu. Wir haben die Hölle überlebt, nur um ein Albtraum für andere zu werden.
Wichtig ist es jetzt, zu essen und zu trinken. Aber nicht zu viel, nicht zu schnell. Man kann Nahrung überdosieren. Einige von uns können sich nicht beherrschen. Zurückhaltung ist zusammen mit unserer Muskelmasse, mit unserem Fleisch verschwunden. Wir haben so lange gehungert. Später werde ich erfahren, dass ein Mädchen aus meiner Heimatstadt, die Schwester einer Freundin meiner Schwester Klara, aus Auschwitz befreit wurde, nur, um dann doch noch zu sterben, weil sie zu viel aß. Es ist lebensgefährlich, Hunger zu leiden, aber auch, ihn zu stillen. Da ist es ein Segen, dass die Kraft, die ich brauche, um zu kauen, sich nur zeitweise einstellt. Ein Segen, dass die GIs wenig Essen anzubieten haben, hauptsächlich Süßigkeiten, diese kleinen farbigen Perlen, die M&Ms, wie wir erfahren.
Niemand will uns Unterkunft geben. Hitler ist seit knapp einer Woche tot, Deutschland noch immer Tage von der offiziellen Kapitulation entfernt. Gewalt überzieht Europa, aber es ist immer noch Krieg. Nahrung und Hoffnung gibt es nur wenig für alle. Und wir Überlebende, wir ehemaligen Gefangenen, sind für einige immer noch der Feind. Parasiten. Geschmeiß. Der Antisemitismus hört nicht mit dem Krieg auf. Die GIs bringen Magda und mich in ein Haus, in dem eine deutsche Familie lebt, eine Mutter, ein Vater, eine Großmutter, drei Kinder. Dort werden wir wohnen, bis wir kräftig genug sind, um zu reisen. Seid vorsichtig, warnen uns die Amerikaner in gebrochenem Deutsch. Noch gibt es keinen Frieden. Alles Mögliche kann passieren.
Die Eltern räumen alle Habseligkeiten der Familie in ein Zimmer, und der Vater schließt demonstrativ die Tür ab. Die Kinder starren uns abwechselnd an, rennen dann davon und verstecken sich hinter den Röcken ihrer Mutter. Wir sind die Gefäße für ihre Faszination und ihre Angst. Ich bin die kaltschnäuzige, automatische Grausamkeit der SS gewöhnt, ihre unpassende, ausgelassene Stimmung – ihre Lust an der Macht. Ich bin es gewöhnt, wie sie sich gegenseitig Mut machen, um sich mächtig zu fühlen, um sich ihrer Sinnhaftigkeit und ihrer Kontrolle zu versichern. Schlimmer ist es, wie die Kinder uns ansehen. Wir sind eine Attacke auf die Unschuld. Und genau so sehen uns die Kinder an – als seien wir die Übeltäter. Ihr Schrecken ist bitterer als Hass.
Die Soldaten bringen uns in das Zimmer, in dem wir schlafen werden. Es ist das Kinderzimmer. Wir sind die Kriegswaisen. Sie heben mich in eine Krippe aus Holz. So klein bin ich. Ich wiege 35 Kilo. Ich kann nicht alleine laufen. Ich bin ein Baby. Ich denke kaum in sprachlichen Kategorien. Ich denke in Kategorien von Schmerzen und Bedürfnissen. Ich würde weinen, damit mich jemand in den Arm nimmt, aber hier ist keiner, der mich in den Arm nehmen könnte. Magda rollt sich auf ihrem kleinen Bett zu einem Ball zusammen.
Ein Geräusch vor der Tür durchbricht meinen Schlaf. Selbst Ausruhen ist fragil. Ich habe ständig Angst. Ich habe Angst vor dem, was bereits geschehen ist. Und vor dem, was noch geschehen könnte. Geräusche in der Dunkelheit lassen mich wieder an meine Mutter denken, die Klaras Glückshaube in ihrem Mantel verbirgt, und an meinen Vater, der bei unserer Vertreibung am frühen Morgen einen letzten Blick auf unsere Wohnung wirft. Während die Vergangenheit sich erneut vor meinen Augen abspult, verliere ich abermals mein Zuhause und meine Eltern. Ich starre auf die Holzstäbe meiner Krippe und versuche, mich wieder in den Schlaf oder wenigstens zur Ruhe zu lullen. Aber die Geräusche halten an. Krachen und Stampfen. Und dann fliegt die Tür auf. Zwei GIs torkeln ins Zimmer. Sie stolpern nacheinander über ein kleines Regal. Lampenlicht ergießt sich in das dunkle Zimmer. Einer der Männer zeigt auf mich, lacht und greift sich in den Schritt. Magda ist nicht da. Ich weiß nicht, wo sie ist, ob sie so nah ist, dass sie mich schreien hören könnte, ob sie sich irgendwo versteckt hat und ebenso verängstigt ist wie ich. Ich höre die Stimme meiner Mutter. Wagt es nicht, vor eurer Heirat eure Jungfräulichkeit zu verlieren, mahnte sie uns immer wieder, noch bevor wir überhaupt wussten, was Jungfräulichkeit ist. Ich brauchte es auch nicht zu wissen. Ich verstand die Warnung. Richte dich nicht zugrunde. Enttäusche mich nicht. Doch nun könnte ein grober Umgang mit mir mehr anrichten, als mich zu beflecken: Er könnte mich umbringen. So zerbrechlich bin ich. Aber es ist nicht das Sterben oder noch mehr Schmerzen, wovor ich mich fürchte. Ich habe Angst, den Respekt meiner Mutter zu verlieren. Der Soldat schiebt seinen Freund wieder zur Tür, damit er Wache hält. Er kommt zu mir herüber, gibt absurde, lockende Laute von sich, seine Stimme klingt kratzig, verdreht. Der Schweiß und der Alkohol in seinem Atem riechen stechend nach Moder. Ich muss ihn von mir fernhalten. Es gibt nichts, womit ich werfen könnte. Ich kann mich nicht einmal aufsetzen. Ich versuche zu schreien, aber meine Stimme ist nur ein Brabbeln. Der Soldat an der Tür lacht. Doch dann lacht er nicht mehr. Er sagt scharfe Worte. Ich verstehe kein Englisch, weiß aber, dass es dabei um ein Baby geht. Der andere Soldat lehnt sich an die Stäbe der Krippe. Seine Hand greift zu seiner Taille. Er wird mich missbrauchen. Mich zerbrechen. Er zieht seine Pistole. Er fuchtelt wie mit einer Fackel damit herum. Ich warte darauf, dass seine Hände mich packen. Aber stattdessen zieht er sich zurück. Er geht zur Tür, zu seinem Freund. Die Tür fällt ins Schloss. Ich bin allein in der Dunkelheit.
Ich kann nicht schlafen. Ich bin sicher, dass der Soldat zurückkommt. Und wo ist Magda? Hat ein anderer Soldat sie genommen? Sie ist ausgemergelt, aber ihr Körper ist in weitaus besserer Verfassung als der meine, und er zeigt immer noch schwache Anzeichen einer weiblichen Figur. Um meinen Geist zu beruhigen, versuche ich zusammenzukratzen, was ich über Männer weiß, was ich über die menschliche Vielfalt weiß: Eric, zärtlich und optimistisch; mein Vater, von sich selbst und den Umständen enttäuscht, manchmal niedergeschlagen, der manchmal das Beste daraus macht, die kleinen Freuden entdeckt; Dr. Mengele, lasziv und beherrscht; der Wehrmachtsoldat, strafend, aber barmherzig, dann freundlich – er war es, der mich mit den Karotten frisch vom Garten erwischt hat; der GI, der mich entschlossen und tapfer aus dem Leichenhaufen in Gunskirchen befreit hat; und nun diese neue Variante, diese neue Schattierung. Ein Befreier und doch ein Angreifer, sein Auftreten bedrohlich und doch kraftlos. Eine große, dunkle Leere, als hätte die Menschlichkeit seinen Körper verlassen. Ich werde nie erfahren, wo Magda in jener Nacht gewesen ist. Auch heute erinnert sie sich nicht daran. Aber ich werde etwas Entscheidendes aus dieser furchteinflößenden Nacht mitnehmen, etwas, das ich hoffentlich nie vergessen werde: Auch dieser Mann, der mich beinahe vergewaltigt hat, der vielleicht zurückkommen wollte, um zu vollenden, was er begonnen hatte, sah das Grauen. Wie ich hat er wahrscheinlich den Rest seines Lebens versucht, es zu verjagen, an den Rand zu drängen. In jener Nacht, glaube ich, war er so verloren in der Finsternis, dass er fast zu einem Teil von ihr wurde. Aber dazu ist es nicht gekommen. Er entschied sich dagegen.
Er kommt am Morgen zurück. Ich weiß, dass er es ist, weil er immer noch nach Alkohol stinkt, weil die Angst mir die Landkarte seines Gesichts ins Gedächtnis geprägt hat, obwohl ich es nur im Halbdunkel gesehen habe. Ich schlinge die Arme um meine Knie und wimmere. Ich höre mich wie ein Tier an. Ich kann nichts dagegen tun. Es ist ein Wehklagen, ein brummendes Geräusch, irgendwie insektenähnlich. Er kniet sich neben die Krippe. Er weint. Er wiederholt zwei Worte. Ich weiß nicht, was sie bedeuten, aber ich weiß noch, wie sie sich anhören. Vergib mir. Vergib mir. Er reicht mir einen Stoffsack. Er ist zu schwer, ich kann ihn nicht aufheben, und so stülpt er ihn für mich um, lässt den Inhalt auf die Matratze purzeln: kleine Dosen Armeerationen. Er zeigt mir die Bilder auf den Dosen. Er zeigt darauf und spricht mit mir wie ein verrückter Oberkellner, der mir die Speisekarte erklärt und mich animieren will, meine nächste Mahlzeit zu wählen. Ich verstehe kein Wort von dem, was er sagt. Ich gucke nur die Bilder an. Er öffnet eine Dose und füttert mich mit einem Löffel. Es ist Schinken mit etwas Süßem: Rosinen. Hätte mein Vater mir nicht von seinen heimlichen Schweinefleischpaketen abgegeben, hätte ich den Geschmack vielleicht gar nicht gekannt – obgleich in Ungarn Schweinefleisch nie mit etwas Süßem kombiniert würde. Ich mache immer nur den Mund auf und bekomme dann noch ein Stückchen hineingeschoben. Natürlich vergebe ich ihm. Ich habe einen Mordshunger, und er bringt mir Essen.
Er kommt jeden Tag wieder. Magda geht es so gut, dass sie schon wieder flirten kann, und zu jener Zeit glaube ich, dass er uns deshalb besucht, weil er ihre Aufmerksamkeit genießt. Aber Tag für Tag nimmt er weniger Notiz von ihr. Er kommt meinetwegen. Ich bin diejenige, bei der er etwas wiedergutmachen muss. Vielleicht tut er Buße für das, was er beinahe getan hätte. Oder vielleicht muss er sich selbst beweisen, dass Hoffnung und Unschuld wiederhergestellt werden können, seine eigene, meine, die der ganzen Welt, und dass ein kaputtes Mädchen wieder laufen kann. In den sechs Wochen, in denen er sich um mich kümmert, bin ich so schwach und kaputt, dass ich nicht einmal lernen kann, seinen Namen auszusprechen, geschweige denn zu buchstabieren. Und so hebt mich der GI aus der Krippe heraus, hält mich an den Händen fest und redet mir gut zu, einen Schritt nach dem anderen im Zimmer zu machen. Die Schmerzen in meinem oberen Rücken brennen wie glühende Kohle, wenn ich mich zu bewegen versuche. Ich konzentriere mich darauf, das Gewicht von einem Fuß auf den anderen zu verlagern, versuche, den genauen Augenblick zu erspüren, wenn es so weit ist. Ich strecke die Hände über den Kopf und halte mich an seinen Fingern fest. Ich tue so, als sei er mein Vater, mein Vater, der sich statt meiner einen Jungen gewünscht hatte, mich dann aber dennoch geliebt hat. Du wirst einmal die bestangezogene Lady in Kosice sein, sagte er mir immer wieder. Wenn ich an meinen Vater denke, zieht sich die Hitze aus meinem Rücken zurück und glüht in meinem Brustkorb. Es gibt Schmerzen, und es gibt Liebe. Ein Baby kennt diese beiden Empfindungen im Leben, und auch ich lerne sie wieder neu.
Magda geht es körperlich besser als mir, und sie versucht, unser Leben auf die Reihe zu bringen. Eines Tages – die deutsche Familie ist nicht zu Hause – stöbert Magda in den Schränken und findet Kleider für uns. Sie schickt Briefe – an Klara, an den Bruder meiner Mutter in Budapest, an die Schwester meiner Mutter in Miskolc, Briefe, die niemand liest. Sie möchte herausfinden, wer vielleicht noch am Leben ist und wo wir uns ein Leben aufbauen könnten, wenn es an der Zeit ist, Wels zu verlassen. Ich erinnere mich nicht mehr, wie mein eigener Name geschrieben wird. Geschweige denn eine Adresse. Einen Satz. Bist du da?
Eines Tages bringt der GI Papier und Bleistifte. Wir beginnen mit dem Alphabet. Er schreibt ein großes A. Ein kleines a. Großes B. Kleines b. Er gibt mir den Stift und nickt. Kann ich überhaupt Buchstaben schreiben? Er möchte, dass ich es versuche. Er möchte wissen, wie sehr ich mich rückentwickelt habe, wie viel ich noch weiß. Ich kann C und c schreiben. D und d. Ich weiß es wieder! Er ermuntert mich. Er feuert mich an. E und e. F und f. Aber dann zögere ich. Ich weiß, dass das G als Nächstes kommt, aber ich kann es mir nicht vorstellen, ich weiß nicht, wie ich es zu Papier bringen kann.
Eines Tages bringt er ein Radio mit. Er spielt die fröhlichste Musik, die ich je gehört habe. Sie ist heiter. Mitreißend. Ich höre Hörner. Sie verlangen, dass du dich bewegst. Ihr Schmettern will nicht verführen – es ist intensiver, eine Einladung, unmöglich, ihr zu widerstehen. Der GI und seine Freunde zeigen Magda und mir die Tänze, die zu der Melodie passen – Jitterbug, Boogie-Woogie. Die Männer stellen sich zu zweit wie Turniertänzer auf. Sogar die Art, wie sie ihre Arme halten, ist neu für mich – es ist wie ein Gesellschaftstanz, aber lässig, geschmeidig. Es ist informell, aber nicht schlampig. Wie können sie ihre Körper so unter Spannung halten und doch so flexibel bleiben? So bereit? Ihre Körper leben das aus, was immer die Musik in Bewegung setzt. Ich möchte so tanzen wie sie. Ich möchte, dass meine Muskeln sich erinnern.
Magda
Eines Morgens will Magda ein Bad nehmen und bebt am ganzen Körper, als sie wieder ins Zimmer kommt. Ihre Haare sind nass, sie ist halb ausgezogen. Mit geschlossenen Augen schaukelt sie auf dem Bett vor und zurück. Während sie im Bad war, habe ich auf dem Bett geschlafen – ich bin inzwischen zu groß für die Krippe –, und ich weiß nicht, ob ihr bewusst ist, ob ich wach bin oder nicht.
Seit unserer Befreiung ist jetzt ein Monat vergangen. Magda und ich haben in den letzten vierzig Tagen fast jede Stunde in diesem Zimmer verbracht. Wir haben die Funktionen unserer Körper wiedergewonnen, unsere Fähigkeit zu sprechen, zu schreiben und sogar den Versuch zu tanzen. Wir können über Klara sprechen, über unsere Hoffnung, dass sie irgendwo am Leben ist und nach uns sucht. Aber wir können nicht über das sprechen, was wir durchgemacht haben.
Vielleicht versuchen wir, durch unser Stillschweigen eine Sphäre zu schaffen, die frei ist von unserem Trauma. Wels ist ein Leben im Schwebezustand, aber vermutlich winkt ein neues Leben. Vielleicht versuchen wir, füreinander und für jede von uns einen leeren Raum zu schaffen, in dem wir unsere Zukunft aufbauen können. Wir wollen das Zimmer nicht mit Bildern von Gewalt und Verlust besudeln. Wir wollen noch etwas anderes als den Tod sehen. Und so vereinbaren wir stillschweigend, nichts anzusprechen, was die Seifenblase unseres Überlebens zum Platzen bringen könnte.
Jetzt zittert und leidet meine Schwester. Wenn ich ihr sage, dass ich wach bin; wenn ich sie frage, was sie hat; wenn ich Zeugin ihres Zusammenbruchs werde, muss sie mit dem, was der Grund für ihr Zittern ist, nicht allein sein. Aber wenn ich so tue, als schliefe ich, kann ich einen Spiegel für sie bewahren, der diesen neuen Schmerz nicht reflektiert; ich kann ein selektiver Spiegel sein. Ich kann ihr die Dinge widerspiegeln, die sie kultivieren möchte, und alles andere unsichtbar machen.
Am Ende brauche ich nicht zu entscheiden, was ich tun soll. Sie beginnt zu sprechen. „Bevor ich von hier weggehe, bekomme ich meine Rache“, gelobt sie.
Die Familie, in deren Haus wir wohnen, sehen wir so gut wie nie, aber ihr stiller, bitterer Groll lässt mich das Schlimmste befürchten. Ich stelle mir vor, dass der Vater ins Badezimmer gekommen ist, als sie sich gerade entkleidet hat. „Ist er …?“, stammle ich.
„Nein.“ Ihr Atem geht rasselnd. „Ich wollte mich einseifen. Und plötzlich hat sich das ganze Zimmer gedreht.“
„Bist du krank?“
„Nein. Ja. Ich weiß nicht.“
„Hast du Fieber?“
„Nein. Es ist die Seife, Dicu. Ich konnte sie nicht anrühren. Irgendwie bin ich in Panik geraten.“
„Dir hat niemand etwas angetan?“
„Nein. Es war die Seife. Du weißt doch, was man sich erzählt. Dass sie aus Menschen gemacht ist. Aus denen, die sie ermordet haben.“ Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber so nah bei Gunskirchen? Wer weiß.
„Ich will immer noch eine deutsche Mutter umbringen“, sagt Magda. Ich denke an die vielen Kilometer, die wir im Winter marschiert sind, als dies ihre fixe Idee war, ihr Refrain.
„Du weißt, dass ich es tun könnte.“
Es gibt verschiedene Möglichkeiten weiterzuleben. Ich muss meinen eigenen Weg finden, mit dem zu leben, was geschehen ist. Ich weiß noch nicht, wie dieser Weg aussehen wird. Wir sind frei von den Todeslagern, aber wir müssen auch frei für etwas sein – frei für Kreativität, für unsere Lebensplanung, für unsere eigenen Entscheidungen. Und bis wir diese Freiheit finden, drehen wir uns nur in der immer gleichen, grenzenlosen Finsternis im Kreis.
Später wird es Ärzte geben, die uns helfen werden, unsere körperliche Gesundheit wiederherzustellen. Aber niemand wird uns die psychologische Dimension der Genesung erklären. Es wird viele Jahre dauern, bis ich allmählich lernen werde zu verstehen.
Eines Tages kommen der GI und seine Freunde zu uns und verkünden, dass wir Wels verlassen werden, dass die Russen helfen werden, die Überlebenden nach Hause zu transportieren. Sie kommen, um sich von uns zu verabschieden. Sie bringen das Radio mit. Glenn Millers „In the Mood“ erklingt, und wir lassen uns treiben. Mit meinem gebrochenen Rücken schaffe ich es kaum, die Schritte zu tanzen, aber in meinem Kopf, in meiner Fantasie, drehen wir Fouettes. Langsam, langsam, schnell-schnell, langsam. Langsam, langsam, schnell-schnell, langsam. Ich kann das auch: meine Arme und Beine locker lassen, aber nicht schlaff. Glenn Miller. Duke Ellington. Ich wiederhole ständig die großen Namen der Big Bands. Der GI führt mich zu einer behutsamen Drehung, einem winzigen Dip, einem Breakaway. Ich bin immer noch so schwach, aber ich spüre das Potenzial in meinem Körper, all das, was ich mit ihm werde ausdrücken können, wenn ich geheilt bin. Viele Jahre später werde ich mit einem Soldaten arbeiten, der seine Desorientierung aufgrund der Phantomempfindung in seinen amputierten Gliedmaßen erklären wird. Als ich sechs Wochen nach meiner Befreiung zu Glenn Miller tanze, mit meiner Schwester, die am Leben ist, und dem GI, der mich beinahe vergewaltigt hätte, aber eben nur beinahe, habe ich genau das Gegenteil von Phantomempfindungen. Es ist kein Gefühl in einem Körperteil, der nicht mehr da ist, sondern das Gefühl eines Teils von mir, der wieder zurückkehrt, der wieder seine volle Leistungskraft erreicht. Ich kann das ganze Potenzial der Gliedmaßen und des Lebens spüren, in das ich wieder hineinwachsen kann.
Edith Eger: Ich bin hier, und alles ist jetzt. Warum wir uns jederzeit für die Freiheit entscheiden können. München: btb Verlag 2018 (1. Aufl.). S. 121–122
Edith Eger: Ich bin hier, und alles ist jetzt. Warum wir uns jederzeit für die Freiheit entscheiden können. München: btb Verlag 2018 (1. Aufl.). S. 123–126.
Edith Eger: Ich bin hier, und alles ist jetzt. Warum wir uns jederzeit für die Freiheit entscheiden können. München: btb Verlag 2018 (1. Aufl.). S. 126–147.