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Michael Kraus gelesen von Chris Pichler

Gunskirchen

6:22

Es war vermutlich der 28. April, als wir in schlechten Schuhen, in denen die Nägel in die Füße stachen, bei großer Hitze zwischen den Steinbrüchen durchstolperten, zwischen den gefürchteten Mauthausener Steinbrüchen. Wie viele solche Arbeitslager wir hier noch gesehen haben, wie viele Häftlinge, die sich mit den Steinen abquälten! Und unser Ziel? Wels!

Wieder zu Fuß

Es war fast Mittag, als wir uns wieder durch das Städtchen Mauthausen schleppten. Wie es hier aussah? Wie überall dort, wo wir noch durchkamen. Zerlumpte Soldaten, freiwillige Garden und wiederum Soldaten, getarnte Fahrzeuge, Pferde und Panzer. Vor allem WL [Anm.: vermutlich Einheiten der Luftwaffen-Felddivisionen der deutschen Wehrmacht]. Vor der Eisenbahnbrücke über die Donau mussten wir kurz warten. Die Hundertergruppen gingen einzeln hinüber und zogen dann weiter durch die Dörfer und Städtchen. Schreckliche Hitze. Nur selten eine Rast. Dann herrschte schon keine Ordnung mehr, die Gruppen vermischten sich, die Formationen zerfielen. Wer hätte hier zu flüchten gewagt, wo auf Schritt und Tritt Soldaten standen! Immer weiter, bei dieser Hitze, mit dem schlechten Schuhwerk. Nicht nur wir, sondern auch die Posten waren müde, denn inzwischen wurden wir nur noch von lauter älteren Schutzpolizisten begleitet, größtenteils Wiener. Sie unterhielten sich mit uns und waren ziemlich freundlich. Aber ständig sauste der Leiter des gesamten Transports vorbei und drängte zu höherem Tempo. Und ganz hinten gingen SS-Männer. Immer wieder erschossen sie einen der Unglücklichen, die nicht mehr weiterkonnten.

An den Weg erinnere ich mich noch ziemlich gut, an die kleinen, von Militär überfüllten Dörfer, an die lächerlichen Bengel in Uniform, die Panzer, Kanonen und Automobile, an die erschöpften Reihen gestreifter Häftlinge. An jedem Brunnen tranken wir gierig das kalte Wasser. Immerzu weiter! Viele Orte, durch die wir kamen, haben sich in mein Gedächtnis eingeprägt, viele Vorkommnisse und Ereignisse! Wir gingen aber auch weiter, als das Land sich in Dunkel hüllte und über dem Horizont der Mond emporstieg. Immerzu weiter!

Es mochte schon elf Uhr abends sein, als wir langsam zum Stehen kamen und auf der Straße warteten, bis wir an der Reihe waren mit der Menage [Anm.: Begriff aus veralteter österreichischer Militärsprache für Verpflegung]. Das Essen war nicht so schlecht. Eine Suppe und noch ein Stück Brot mit Margarine, Margarine hatten wir schon lange nicht mehr in den Magen bekommen.

Rundum Dunkelheit, die Küche stand offenbar irgendwo auf einem großen Bauernhof. Dann trieb man uns auf eine umzäunte Wiese, wo wir uns in das nasse Gras legten und trotz der Kälte und Feuchtigkeit bald in den Schlaf sanken. Wir waren ja völlig übermüdet und entkräftet! Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und schon marschierten wir weiter. Die Küche fuhr wieder voraus, damit wir abends ein bisschen Suppe hatten. Aber auch mittags bekamen wir irgendwo ein Stück Brot.

Und wieder ging es beständig weiter. Die folgende Nacht verbrachten wir bei Weißkirchen. Wir schliefen wieder auf einer Wiese irgendwo in einem Wald. Abends bekamen wir Suppe, am Morgen ein Stückchen Brot, und auch am dritten Tag ging es weiter. Es begann zu regnen, zu schütten! Das Tempo wurde beschleunigt. Wir legten unsere letzte Kraft in den Marsch.

Wels. Von oben sieht die Stadt, die wir erreichen sollen, ziemlich groß aus. Überall Lager und Rot-Kreuz-Lazarette, zerbombte Häuser. Wir überqueren auf einer langen Brücke den schmutzigen Fluss. Immer noch Regen. Wir kommen hinein in die Stadt, gehen immer weiter. Wo führt man uns hin? Wir gehen hinaus aus der Stadt – gehen weiter. Wann hat das ein Ende?

Wir freuen uns, dass wir wenigstens in eine angenehme Baracke kommen, wo wir wieder trocken werden, wo wir uns satt essen und bequem ausschlafen können nach diesem anstrengenden, kräftezehrenden Marsch. Schließlich sind es vom gesamten Zeltlager nicht sehr viele, die es bis hierher geschafft haben. Wie viele liegen tot zwischen den Zelten, wie viele säumen den Weg, den wir gekommen sind, wie viele stürzen noch in den Morast!

Wir biegen von der Straße in einen Wald.

Enttäuschung

Es regnet noch immer. Wir sind nass bis auf die Knochen. Wir mühen uns durch Pfützen und Matsch über einen Fahrweg durch den dichten Wald. Hier und da steht ein primitives Blockhaus, daneben Panzer und Militär. Sieh an, sogar Flugzeuge sind hier versteckt. Der Wald lichtet sich etwas. Zwischen den Bäumen hindurch gelangen wir zu Blockhütten, die von Wachen umstanden sind. Was – das soll das Lager sein? Schrecklich!

Das Lager

2:54

Das soll das Lager sein? Unmöglich! Wir sitzen auf der blanken Erde und schlafen bald ein – ohne Essen, durchnässt, fürchterlich enttäuscht.

Ja, das ist das Lager der Toten, vergessen zwischen den Bäumen eines dichten Waldes, ohne Luft und Sonne. Rings um die Baracken nichts als riesige Pfützen. Am Ende eine primitive Latrine, das ist alles.

Überall Ungarn! Sie prügeln sich und streiten, schreckliches Gesindel.

Unsere Hoffnungen auf ein besseres Lager haben sich zerschlagen. Geschrei weckt uns. Wir gehen zum Morgenappell hinaus. Unsere Zähne schlagen vor Kälte aufeinander. Ich stand mit Míša Grünwald unter einer nassen, zerrissenen Decke da, beide krank. Wir hatten die Hoffnung zu überleben schon aufgegeben, und es fehlte auch nicht mehr sehr viel bis zu unserem Ende.

Ich muss durchhalten, sagte meine Erinnerung an die Mutter. Sie wird sicher gerettet werden, und ohne mich wäre sie unglücklich. Durchhalten! Das waren grauenvolle, hoffnungslose Augenblicke, im Wald, in dieser Pfützenlandschaft, auf die keine Sonne fiel und wo auch im Sommer Kälte herrschte. Zehn Tage dauerte das – zehn schreckliche Tage!

Die Nächte waren eine Qual, und die Tage auch. Tagsüber saßen wir entweder in der Baracke (unser Platz war am Eingang, sodass uns jeder trat und stieß), oder wir wankten zwischen den Pfützen durch das Stückchen Wald. Und in der Nacht! Keiner konnte auf dem Streifen Lehm schlafen – auf dieser feuchten Erde, ohne Decke. Wir schlotterten vor Kälte, und es gab nicht genug Platz.

Wer schlimmer krank war, wurde in den Regen hinausgeworfen, wo er, zu keiner Bewegung mehr fähig, in wenigen Tagen starb oder aber ertrank, weil er in einer Wasserlache gelandet war. Schrecklich war das dort. Mehrmals in der Nacht warf man über uns hinweg solche unglücklichen Menschen ins Freie hinaus. Ich erinnere mich, wie Harry Kraus einem davon auch noch die Schuhe herunterziehen wollte.

Es war hoffnungslos, wir weinten vor Verzweiflung, Kälte und Hunger. Alles war von den Regengüssen durchweicht, und kein Sonnenstrahl drang zu uns durch.

Schnitt

Päckchen vom Roten Kreuz

2:20

Und wie war das Essen hier? Einmal am Tag etwas Suppe, das war alles. Ansonsten kümmerte sich keiner um uns. Nur einige Male am Tag jagten SS-Männer mit Schüssen und Schlägen die kräftigeren Männer hinaus, damit sie die Leichen begruben. Nicht einmal Wasser gab es. Für diese mehrere tausend Menschen wurde jeden Tag ein Demijohn Wasser gebracht. Das reichte nicht einmal fürs Trinken! Außerdem waren alle schrecklich verlaust. Keiner hatte auch nur einen Augenblick Ruhe.

Ich betete nur und hoffte! So versuchte ich mich zu schützen. Die Erinnerung an die Mutter war mir eine stärkende Kraft, die Erinnerung an den Vater sagte: „Halte durch und räche dich!“

Und dann geschah das, was uns seelisch am tiefsten traf! Es kamen Päckchen vom Roten Kreuz. Sie würden an die Kinder bis 15 verteilt werden.

Morgen würden sie verteilt!

Wir eilten zur Küche. Aber alle Päckchen hatte sich die SS genommen, nur ein paar wenige Glückliche konnten noch eines für sich ergattern, und dann wurde ihnen von den guten Sachen noch schlecht.

Auch bei uns schlief einer von diesen Jungen, ein Slowake. Ihm wurde so schlecht, dass er die ganze Zeit liegen musste und schrecklichen Durchfall bekam. Es war ja auch unvernünftig. Seit Wochen hatte er so gut wie nichts gegessen, und jetzt auf einmal trinkt er Kondensmilch und isst Schokolade.

Wir warteten und warteten, wann auch wir solche Päckchen bekämen, aber vergebens. Ich kann diese fürchterlichen Momente nicht beschreiben, diesen schrecklichen Appetit auf Süßes, diesen Hunger. Ich kann es nicht. Das muss man selbst erlebt haben, sonst kann man das nicht verstehen.

Einige sind auch übergeschnappt und ununterbrochen zur Küche gelaufen. Manche von ihnen wurden erschossen, andere verprügelt.

Michael Kraus: Tagebuch 1942–1945. Aufzeichnungen eines Fünfzehnjährigen aus dem Holocaust. Berlin: Metropol Verlag 2015. S. 80–82.
Michael Kraus: Tagebuch 1942–1945. Aufzeichnungen eines Fünfzehnjährigen aus dem Holocaust. Berlin: Metropol Verlag 2015. S. 82–84.