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Stephan Virányi gelesen von Mercedes Echerer

Der Bau des Südostwalls

5:41

Am 29. März 1945 – es war an einem Donnerstag – verrichteten noch mehrere tausend deportierte Arbeitsdienstler schon seit vier strengen Wintermonaten unter der Aufsicht der deutschen Todt-Organisation verschiedene Schanzarbeiten auf den Arbeitsplätzen in Bruck a.d. Leitha. Nach der Arbeit kehrte man aber eher als gewöhnlich in die zum Quartier bestimmten ungeheizten Scheunen zurück, da man einen Abmarsch-Befehl abwarten musste. Deshalb breiteten wir am Abend – wider unseren Gepflogenheiten – die Kotzen [Anm.: altertümliche Bezeichnung für grobe Woll- oder Pferdedecken] nicht auf dem kalten Betonboden aus, sondern legten sie zusammengerollt auf die Rucksäcke. Mehrere Schicksalsgenossen jüdischen Glaubens – sie bildeten die überwiegende Mehrheit – saßen im Kreis und beteten zum 2. Sederabend [Anm.: zeremonielle Mahlzeit als Auftakt zum Pessach-Fest]. Sie konnten aber die Zeremonie nicht beenden, dann da wurde die Aufstellung zu fünft in Reih und Glied auf den Fahrdamm vor den Scheunen-Baracken angeordnet. Wir erhielten einen Wecken Brot von 1 kg und 5 dkg Kunstbutter pro Person, aber auf wie viele Tage, das wurde nicht verkündet, und so wusste es niemand von uns.

Die Kranken und Marschunfähigen blieben zurück; man schickte sie uns per Eisenbahn in Viehwaggons nach.

Nach erfolgter Abzählung marschierten die angetretenen Gruppen ab. Der Fußweg dauerte die ganze Nacht, und wir kamen nach einem Marsch von etwa 20 km am nächsten Morgen, dem 30. März, durch Pakdorf [Anm.: vermutlich ist der Ort Pachfurth gemeint] und Rohrau bei dem Donauufer Deutsch-Altenburg an. Unterwegs hielten wir insgesamt zwei- oder dreimal für je eine kurze Rast von einigen Minuten, aber kaum streckten wir uns am Rande der Landstraße hin, ertönte schon der Ruf zum Antreten.

Viele konnten infolge des geschwächten Körperzustandes den anstrengenden Fußweg nur schwerlich bewältigen, weshalb sie verschiedene Sachen massenweise wegwarfen; selbstverständlich mussten sie später, in den Lagern, diese empfindlich vermissen.

Unterwegs begegneten wir dahinziehenden ungarischen Soldatengruppen, auf primitiven Bauernfuhrwerken zusammengepfercht (anreden durften wir sie selbstverständlich nicht). Ja, gewiss, deutsche Soldaten waren niemals in einer solchen kümmerlichen Lage zu sehen. Sie zogen ausnahmslos, bequem sich niederlassend, auf gedeckten Lastautos dahin.

In Deutsch-Altenburg angelangt, bestimmte man uns im Freien einen Platz zum Ausruhen, wo wir einen ganzen Tag und eine Nacht verbrachten.

Inzwischen war auch in Engerau (Pozsonyligetfalu) ein Transport von mehreren tausend Deportierten eingetroffen, in noch einem heruntergekommeneren Zustand, als wir waren.

Weitere Nahrung wurde nicht verabreicht, sondern es wurde verkündet, dass wir eingeschifft und die Lebensmittel unterwegs aufgenommen werden. Davon erwies sich aber bloß die erste Hälfte als wahr, und so mussten wir eine ganze Woche hindurch mit 1 kg Brot und 5 dkg Kunstbutter auskommen. Dies war aber schon deshalb nicht möglich, da wir überhaupt nicht wussten, wohin wir fahren und wie lange wir unterwegs sein werden, was die Einteilung in noch so winzige Rationen illusorisch machte; außerdem rechneten wir mit der versprochenen Nahrungsaufnahme, die jedoch unterblieb.

Den darauffolgenden Tag – es war Karsamstag – lud man uns tatsächlich auf Schleppboote, die von einem Dampfer gezogen wurden, den die bewaffneten Aufseher in voller Bequemlichkeit für sich einrichteten; die Häftlinge dagegen wurden teilweise im inneren Raum, teilweise auf dem Deck der Schlepper untergebracht. Die Leute im inneren Raum litten an der Dumpfigkeit, die auf dem Deck an der launenhaften April-Witterung. Gegen den Regen wickelte man sich in die Kotzendecken ein. Am schwersten aber war die Hungersnot zu ertragen.

Einigen findigen Schicksalsgenossen ist es noch in Bruck gelungen, sogenannten „Burisch“ (enthülstes Weizenkorn) oder Tabak zu beschaffen. Vom „Burisch“ hatte man nicht viel Dank, denn die geschwächten Gedärme konnten ihn schwerlich verdauen, und viele bekamen davon krampfhaftes Abweichen [Anm.: veraltet medizinisch für Durchfall].

Dagegen konnte man Tabak – während einer kurzen Landung – bei zufällig im Hafen befindlichen ungarischen Soldaten gegen Kartoffeln eintauschen (die Waren wurden gegenseitig hinübergeworfen), die man auf aus morschen Holzstücken angezündetem Feuer zubereitete. Aber dieses außergewöhnliche Glück wurde nur sehr wenigen zuteil. Die meisten kamen nach einer sechstägigen Schifffahrt am 6. April in elendem Körperzustand, vollkommen erschöpft, im Donauhafen Mauthausen an. Natürlich nicht jeder, denn die Zahl derer war auch nicht gering, die die lang andauernde Hungerfahrt nicht überleben konnten; diese wurden unterwegs in die Donau versenkt.

Das KZ Mauthausen

5:28

In Mauthausen angelangt, übernahmen uns nach erfolgter Ausschiffung SS-Soldaten von der bisherigen Todt-Organisations-Begleitung, die alsbald den Antritt zu fünft anordneten und uns auf eine Berghöhe in Marsch setzten, zu einem dort aufgestellten Konzentrationslager, das mit Stacheldrähten und Maschinengewehrtürmen umzäunt war.

Im Lager wurden wir in großen, erdbodigen Zeltbaracken untergebracht. Die Zelte waren höchstens für je 800 Personen errichtet, aber man pferchte mehr als 2.000 Menschen in einem Zelt zusammen. Das Niederlegen war nur so möglich, dass man die Beine zwischen die von den Gegenüberliegenden legte. Man stelle sich die Zwistigkeiten vor, wenn beim Umdrehen die fremden Beine gestoßen wurden, was wirklich schwerlich zu vermeiden war.

Weder Stroh- noch Holzunterlagen waren vorhanden, und diejenigen hatten noch Glück, die außer ihren Decken noch über einen Kotzen verfügten, um ihn auf der bloßen Erde – natürlich nur zusammengefaltet – auszubreiten. Diese musste man aber ständig im Auge behalten, denn es genügte nur einer augenblicklichen Unachtsamkeit, um deren verlustig zu werden.

Die Verpflegung war äußerst kläglich. Morgens 1 Deziliter sogenannter schwarzer Kaffee, ohne Zucker, und obendrein so wässerig, dass man beim Eingießen beinahe durchsehen konnte.

Zu Mittag 5–6 Deziliter, zum Nachtmahl 3–4 Deziliter Kartoffel- oder Rote-Rüben-Suppe, und jeden zweiten oder dritten Tag ½ dkg Pferdewurst-Stückchen oder Traubenzucker oder Kunstbutter.

Täglich erhielten 10–12 Personen zusammen 1 kg Brot, dessen erheblicher Teil reiner Schimmel war, den man aus den zerteilten 9- bis 10-dkg-Stückchen wegwerfen musste.

Es war nicht leicht, das Brot in 10–12 gleiche Scheiben zu schneiden, und da dies selbstverständlich nie haargenau gelingen konnte, erdachte man – um den Zwistigkeiten vorzubeugen – eine Methode, nach welcher eine Person den aufgeschnittenen Brotscheiben den Rücken kehrte, dann zeigte eine andere ohne feste Reihenfolge auf die einzelnen Scheiben, und der Rückengekehrte bestimmte auf das Geratewohl denjenigen, dem die gezeigte Scheibe zukommen sollte.

Wir waren schon in Bruck stark mit Läusen bedeckt; dies steigerte sich aber in Mauthausen beinahe zur Unerträglichkeit. Obzwar dieses Ungeziefer in zwei Stunden wieder an unserer Leibwäsche und auf dem Körper wimmelte, mussten wir uns täglich 1–1½ Stunden mit der Entlausung beschäftigen, sonst hätten sie uns im wahrsten Sinne des Wortes aufgefressen.

Bei den Schicksalsgenossen, die die dazu nötige Willenskraft nicht aufbrachten, nahm die allgemeine Schwäche in raschem Tempo zu, und bald verschwand mit der seelischen auch die körperliche Kraft, was in Kurzem zum stillen Dahinscheiden führte.

Das Sterben erreichte auch ansonsten im Lager einen überaus großen Umfang.

Morgens konnten wir nur über zahlreiche Leichen ins Freie gelangen, und da lagen schon ganze Mengen davon vor den Zeltbaracken. Sie wurden entkleidet, ihre Sachen weggenommen und [ihre Körper] dann auf Fuhrwerke geworfen und abtransportiert.

Ein kleiner Teil der einen Zeltbaracke wurde mit einer einfachen Holzleiste vom übrigen Teil abgesondert; er diente als Revier, in dem man die Kranken unterbrachte. Sie wurden von deportierten Ärzten behandelt, soweit dies überhaupt möglich war, denn das Verbandszeug und die Arzneien sind allmählich ausgegangen, und Neues war nicht zu beschaffen. Die Wunden wurden später bloß mit Papierverbänden verbunden.

Noch schlimmer als den Zeltbewohnern ist es denen ergangen, die von anderen Arbeitslagern später als wir angekommen sind, denn sie konnten nicht einmal in den – mit Menschen vollgestopften – Zelten untergebracht werden und mussten sich im Freien niederlassen, ausgesetzt der nasskalten, regnerischen April-Witterung. In den Nächten, bei strömendem Regen, flüchteten sie sich in die Zeltbaracken; da mussten sie aber die ganze Nacht stehen, denn nicht ein Fußbreit Boden war frei, um sich niederzulegen.

Als wir am 6. April in Mauthausen angelangt sind, verkündete man uns, dass wir den darauffolgenden Tag nach Dachau weiterbefördert werden. Vom Hörensagen waren uns allen schon die Gräueltaten dieses Lagers bekannt, so kann man sich vorstellen, dass wir von dieser Verkündung durchaus nicht allzu sehr angetan waren. Am nächsten Morgen wurde tatsächlich eine kleine Gruppe in Gang gesetzt; zum Glück kehrte sie aber alsbald wieder zurück, denn durch den Vormarsch der amerikanischen Armee konnte die Einwaggonierung nicht mehr stattfinden.

Die Todesmärsche zum KZ-Außenlager Gunskirchen

6:11

Am 16., 26. und 28. April wurden in drei Raten die mehrere tausend Deportierten wieder in Gang gesetzt (wohin und wie lange, das konnten wir wieder nicht erfahren). Die Kranken und Marschunfähigen durften zurückbleiben. Sie wurden aber einer schrecklichen Heimsuchung ausgesetzt. Zuerst trieb man sie zur Schiffsstation in der Absicht, die ganze Gruppe samt dem Schlepper zu versenken. Dann überlegte sich das Lagerkommando die Sache; die Leute wurden wieder aus dem Schlepper zurück in das Lager gejagt, diesmal in die noch höher liegenden Holzbaracken. Alle Kleidungsstücke und sonstigen Gegenstände wurden ihnen weggenommen, und man hat sie in den nasskalten, regnerischen Apriltagen mit dünnen, zerrissenen, zusammengeflickten Sträflingsuniformen versehen.

In den Baracken drängte man sie so eng zusammen, dass auf einer schmalen Holzpritsche sogar zwei kaum Platz fanden. Bei solchen Umständen vergingen die Nächte selbstverständlich nicht ohne Lärm und Zankereien. Das genügte der SS-Wachmannschaft, um in das Schlafgemach einzudringen und mit den Gewehrkolben und Bajonetten blindlings herumzuschlagen, oft verschiedene lebensgefährliche Wunden verursachend. Mangels Verbänden war man gezwungen, von den schmutzigen Hemden Fetzen abzureißen und die Wunden damit zu verbinden. Einem meiner Freunde und Schicksalsgenossen – einem Oberarzt – ist es auch so ergangen. Ihm ist die Wunde in Eiter übergegangen, und es war schon zu fürchten, dass der ganze Arm amputiert werden müsse. Zum Glück ist es nach der Befreiung – Anfang Mai – einem amerikanischen Militärarzt beinahe in letzter Stunde gelungen, den Arm durch eine vom Oberschenkel genommene plastische Operation zu retten. Von ihm erfuhr ich später, in Budapest, die eben erzählten Gräueltaten.

(Ich war zuerst dem am 16. April abgegangenen Transport zugeteilt, aber da ich mich infolge der großen Eile, mit der man uns angetrieben hat, einer schon abgezählten Gruppe verspätet angeschlossen habe, erhielt ich mit einem Knüppel von rückwärts unerwartet einige Kopfhiebe, sodass mir der Schädelknochen gesprungen ist und ich, des Gleichgewichtes verlustig, zu Boden fiel. Ein Freund und Schicksalsgenosse half mir – nachdem ich mich auf dem Boden liegend hinter antretende Deportierte verkrochen hatte – auf die Beine und brachte mich zurück in das Zelt, wo man mir im abgesonderten Teil der Kranken die Wunde verband; diesmal noch mit Leinwand. Am nächsten Tag konnten sie aber die durchgeblutete Leinwand bloß mit Papierverband versehen. So blieb ich bis zum Abgang des nächsten Transportes, das heißt bis zum 26. April, in Mauthausen zurück.)

Beim Abschied erhielten wir pro Person ½ kg schimmeliges Brot und 5 dkg Margarine. Freilich wussten wir auch da nicht auf wie viele Tage. In 2½ Tagen legten wir ungefähr 50 km zurück – über Enns, St. Florian und Wels – bis zum Gunskirchner Barackenlager. Nur selten erhielten wir je eine kurze Rast. Die zwei Nächte verbrachten wir im Freien. In der zweiten Nacht war ein großes Gewitter; da suchten wir in Gebüschen Zuflucht, die aber nicht viel nützte.

Von Hunger geplagt, gruben einige während des Marsches rohe Kartoffeln aus der Erde, die sie im rohen Zustand verzehrten, aber sie mussten sich beeilen, denn die SS-Begleitmannschaft trieb sie sofort mit Gewehrkolben zurück in die Reihe. Während der kurzen Ruhepausen pflückten wir Raps, zündeten Reisigstücke an und kochten kleine Schnecken darauf.

Am zweiten Abend kam uns eine Rot-Kreuz-Formation entgegen (so etwas begegnete uns weder vorher noch nachher), die an jeden von uns 8–10 Deziliter warme Kartoffelsuppe verteilte, die wir selbstverständlich gierig aufnahmen. Die Aufnahme musste aber rasch im Gehen geschehen, denn wer stehen blieb, wurde mit einer solchen Kraft nach vorwärts gestoßen, dass er froh sein musste, wenn er wenigstens einen Teil des hinausgespritzten „fließenden Goldes“ retten konnte. Eine besondere Geschicklichkeit gehörte auch dazu, die ausgeteilte Suppenportion ohne stehen zu bleiben derart zu empfangen, dass nichts davon auf die Erde floss.

Während des anstrengenden Marsches warfen viele einen beträchtlichen Teil ihrer Habseligkeiten weg, denn die den Marsch nicht zu bewältigen vermochten und zurückblieben, wurden unbarmherzig erschossen. Unterwegs haben wir viele Leichen von Deportierten mit Blutlachen beim Kopf und Rucksäcken neben dem Brustkorb an den Straßenrändern liegen gesehen (offenkundig stammten sie noch aus früheren Transporten). Auch vor meinen Augen hat man Schicksalsgenossen, welche infolge vollkommener Erschöpfung auf die Seite des Fahrdammes fielen, erschossen.

An Durst mussten wir auch sehr viel leiden. In einzelnen Dörfern stellten die österreichischen Einwohner Wasserkrüge und Gläser vor die Gartentüre, damit wir während des Dahinziehens wenigstens flüchtig ein Glas leeren konnten. Dies gelang aber nur wenigen, denn diejenigen, die zu diesem Zweck aus der Reihe traten, wurden sofort mit Gewehrkolben wieder zum Einreihen gezwungen. Auch Äpfel warfen die Einwohner in die Marschreihen, aber während der raschen Fortbewegung konnten nur sehr wenige einen davon fangen.

Das Lager Gunskirchen

6:18

Am 28. April, gegen 2 Uhr am Nachmittag, langten wir in dem – von Gunskirchen 2 km entfernt in einem Walde liegenden – Konzentrationslager an, das wie in Mauthausen mit Stacheldrähten und Maschinengewehr-Wachtürmen umzäunt war. Als wir Mauthausen verließen, konnten wir es uns gar nicht vorstellen, dass es im neuen Lager noch schlimmer zugehen könnte. Es hat sich aber herausgestellt, dass Gunskirchen sogar Mauthausen an Scheußlichkeit überragte.

Wir wurden zwar nicht in Zelten, sondern in Holzbaracken untergebracht, dagegen aber war die Überfülltheit von einem derartig hohen Grade, dass wir uns nicht einmal in der unbequemsten Lage niederlegen konnten, da man auch auf den Rucksäcken sitzend kaum Platz hatte. In den Nächten musste man so sitzend, die Beine eingezogen, schlummern – wenn einen überhaupt der Schlaf überkam. Und wollte man die erstarrten Glieder ausstrecken, so musste man abwechselnd aufstehen und sich wieder setzen.

Der morgendliche zuckerlose „Pflaumenkaffee“ und die Kartoffel- oder Rübensuppe vom Mittag oder Abend waren noch geringer und wässriger als in Mauthausen; die Brotration (zwölf, sogar bis sechzehn erhielten ein Kilogramm) noch kleiner und schimmeliger. Die Ergänzung von einem ½ dkg Pferde-Würstchen oder Kunstbutter kam uns im Ganzen zweimal zu. Bloß die aus den Deportierten designierten Truppenführer, die sogenannten „Kapos“, erhielten doppelte Portionen, die sie sich gleich bei Beginn der Austeilung selber nahmen. (Ansonsten gestaltete sich ihr Benehmen nach dem Grade ihrer Anständigkeit und Kollegialität.)

Das Wetter war ständig windig und regnerisch. Der Regen fand den Weg in die erdbodenen Baracken; die dadurch entstandenen Pfützen drängten die wenigen freien Plätze noch enger zusammen. Die Läuse vermehrten sich dermaßen, dass man gezwungen war, sich sogar zwei- bis dreimal am Tag stundenlang zu entlausen, wenn man vermeiden wollte, dass diese Schmarotzer einem sogar die letzten Bluttropfen aussaugten.

Noch erdrückender zeigte sich der Trinkwassermangel und die ungenügende Waschmöglichkeit. In Mauthausen konnte man noch aus im Freien errichteten Wasserhähnen trinken und sich waschen; dagegen gab es in Gunskirchen so etwas nicht. Das Wasser wurde in Fässern auf Fuhrwagen bezogen; so fiel auf einen höchstens eine Schale täglich (es waren sogar Tage, wo die Wasserzufuhr vollkommen ausblieb), das sollte zum Trinken und zum Waschen genügen.

Wir benützten deshalb zum Waschen zumeist Regenwasser, das wir aus den Traufen und Pfützen schöpften. Man litt viel an Abweichen [Anm.: veraltet medizinisch für Durchfall] – übrigens nicht nur hier, sondern auch schon in Bruck und Mauthausen –, und wer es nicht aushielt, den Weg bis zu den ekelerregenden Latrinen zu Ende zu gehen, wurde aus den Wachtürmen erschossen.

Die Hauptursache des Abweichens war, dass in den Küchen kein besonderes Gewicht auf die Reinlichkeit gelegt wurde. So nahm man sich zum Beispiel wenig Mühe, die Kartoffeln abzuschälen oder zu reinigen; sie wurden ungeschält und schmutzig in die Kochkessel hineingeworfen.

Das Lager war ohnehin mit Schmutz und Dreck voll. Die Leichen lagen in Unmengen herum. Man musste Deportierte heranziehen, um die Leichen zu Fuß zu einer 20 Minuten entfernt liegenden Kalkgrube zu schleppen. (Unseres Wissens wollte man später die noch am Leben Gebliebenen hierher treiben, um sie zu vernichten; dieser Plan wurde aber durch den Einzug der amerikanischen Armee verhindert.)

Dass infolge der vielen Entbehrungen nicht alle dahingeschieden sind, war einzig und allein dem Umstand zu verdanken, dass man – im Gegensatz zu Bruck – in Mauthausen und Gunskirchen keine Arbeit zu leisten hatte; dazu waren wir auch nicht mehr fähig, denn ein jeder war schon am Ende seiner Kräfte.

Die Befreiung

3:33

Endlich, am 4. Mai gegen Abend, fuhren mit einem Auto deutsche Offiziere weiße Fahnen schwenkend dahin, von denen wir erfuhren, dass unsere Befreiung in Kurzem zu erwarten sei. Bald darauf hörten wir plötzlich Maschinengewehre krachen, worauf wir uns zu Boden warfen, da wir nicht wissen konnten, von wem und auf wen eigentlich gezielt wurde. Das Schießen dauerte ungefähr zehn Minuten, dann wurde es auf einmal still.

Als wir darauf aus den Baracken traten, sahen wir schon keine bewaffneten Wachen mehr. So kam es uns zur Besinnung, dass wir schon befreit seien.

Nächsten Morgen, am 5. Mai, marschierten die amerikanischen Truppen in langen Reihen auf. Am Mittag verteilten sie Konserven, die aus deutschen Magazinen stammten, aber die Gedärme der meisten waren derart geschwächt, dass sie infolge dieser Nahrung lang andauernden Darmkatarrh erlitten (darunter auch ich).

Viele erkrankten an Flecktyphus, den die Unmenge an Läusen verbreitet hatte.

In einigen Tagen wurden alle Häftlinge fortgeschafft, teils nach Wels, in die sogenannte Alpenjäger-Kaserne, teils nach Hörsching. In Wels, im dortigen Gymnasium, wurde ein Reservespital errichtet, wohin die Kranken aus der Alpenjäger-Kaserne weiterbefördert wurden (darunter auch ich).

Unmittelbar nach der Befreiung erlagen noch viele an Flecktyphus oder an Entkräftigung.

Teils noch in der Alpenjäger-Kaserne, teils schon im Reservespital wurden wir von amerikanischen Sanitätssoldaten entlaust und dadurch von unserer größten Pein erlöst. Im Welser Reservespital behandelten uns österreichische Ärzte und Pflegerinnen (die Reinigungsarbeiten ließen sie durch entwaffnete ungarische Soldaten verrichten).

Die Mittel zu unserer Heilung reichten jedoch nicht aus, denn das amerikanische Besatzungskommando stellte dem Spital nur die Nahrungsmittel zur Verfügung, die in den deutschen Magazinen gelagert waren. Auch von den Einwohnern war kaum etwas zu beschaffen, da sie selbst sehr karg an Lebensmitteln waren; es war ein strenges Kartensystem mit geringer Auswahl und winzigen Rationen eingeführt.

So bestand unsere Verpflegung zumeist aus Magermilch, Ersatzkaffee, Haferflockensuppe, gekochten Dörr-Kartoffeln, Dörr-Gemüse, Konserven-Haschee und Keks.

Hauptsächlich entbehrten wir frisches, vitaminhaltiges Gemüse und Obst neben der karg bemessenen, fettarmen Verköstigung.

Infolge der mangelhaften Ernährung wurde die Genesung erheblich erschwert und verzögert, und auch dann gelangte niemand im Spital zu seiner vollen Lebenskraft. Dazu waren sogar noch in der Heimat Wochen und Monate notwendig.

Viele unter ihnen tragen das ganze Leben hindurch die nachteiligen Folgen der Deportation.

Die Deportierten wurden durch die Joint-Exposituren [Anm.: jüdische Wohlfahrtsorganisationen in den USA] in verschiedenen Zeitpunkten, auf verschiedenen Fahrtrichtungen und mittels verschiedener Fahrzeuge in die Heimat befördert. Es waren sogar einige, die sich – nach einer geringen Kraftanstrengung – zu Fuß auf den Weg machten.

Nie wieder Faschismus!

Stephan Virányi: Von Bruck a.d. Leitha – bis zur Gunskirchner Befreiung nach Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes in Wien (Bestand Nr. 3488) in Peter Kammerstätter: Der Todesmarsch ungarischer Juden von Mauthausen nach Gunskirchen im April 1945. Materialsammlung, Linz 1972. S. 13–21.
Stephan Virányi: Von Bruck a.d. Leitha – bis zur Gunskirchner Befreiung nach Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes in Wien (Bestand Nr. 3488) in Peter Kammerstätter: Der Todesmarsch ungarischer Juden von Mauthausen nach Gunskirchen im April 1945. Materialsammlung, Linz 1972. S. 21–23.
Stephan Virányi: Von Bruck a.d. Leitha – bis zur Gunskirchner Befreiung nach Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes in Wien (Bestand Nr. 3488) in Peter Kammerstätter: Der Todesmarsch ungarischer Juden von Mauthausen nach Gunskirchen im April 1945. Materialsammlung, Linz 1972. S. 23–24.